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Rücksichtslos die Haare bürsten

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
06.12.2024. Blick auf einige große Ausstellungen im Dezember: Mary Ellen Mark in der Wiener Galerie Westlicht, Gauguin im Wiener Kunstforum, Marina Abramovic in Zürich und Nan Goldin in Berlin.
Wenn früher die Alten behaupteten, dass das Leben kurz ist und die Zeit wie im Flug vergeht, konnte ich mir das nicht vorstellen. Die Sommerferien, die in Österreich zwei Monate dauern, lagen vor mir wie ein Ozean aus Zeit, den zu befahren kein Ende zu nehmen schien, bis am Horizont irgendwann doch ein Streifen jenes Landes auftauchte, in dem der Alltag auf mich wartete, die Routine und die Pflicht. Jetzt, da ich mich in Siebenmeilenstiefeln auf mein sechzigstes Lebensjahr zu bewege, weiß ich, dass die Alten wussten, wovon sie sprachen: Gerade erst habe ich im April freudig mein Wiener Atelier bezogen, da brennt auch schon wieder die erste Kerze am Berliner Adventskranz.

Die Wiener Galerie Westlicht hat gerade ein Highlight zu bieten: die Ausstellung "The Lives of Women", die der Arbeit von Mary Ellen Mark (1940-2015) gewidmet ist.

Tiny © Mary Ellen Mark

Nach ihrer Ausbildung arbeitete Mark als Set-Fotografin bei Filmdrehs, unter anderem bei Federico Fellini. Das war ihr aber wohl zu langweilig, denn als sie davon hörte, dass in London bei einem medizinischen Versuch Heroinhabhängigen unter ärztlicher Aufsicht geringe Dosen der Droge verabreicht wurden, machte sie sich kurzentschlossen auf den Weg.

Es entstanden Bilder, wie sie für Mark von da an charakteristisch sein sollten: direkt, schonungslos, dabei zugleich zart, zerbrechlich, intim. Mit einem besonderen Blick für weibliche Lebensentwürfe und Schicksale. Ein Höhepunkt sozial engagierter Dokumentarfotografie in der Tradition von Dorothea Lange und Lewis Hine, von der Qualität in ihrer Zeit nur vergleichbar mit Susan Meiselas "Carnival Strippers" oder Philip Jones Griffiths' "Dark Odyssee".

In weiterer Folge entstanden Serien wie "Ward 81" über die Situation von Frauen in einer psychiatrischen Station; "Falkland Road", die die Arbeit und das Leben von Prostituierten (freiwillige Sexarbeit ist eine andere Kategorie) in Mumbai dokumentiert; oder das preisgekrönte Langzeit-Projekt "Streetwise", das das Leben der zu Beginn erst dreizehnjährigen Gelegenheitsprostituierten Tiny über dreißig Jahre hinweg begleitet, bis Tiny kurz vor Marks Tod Mutter von zehn Kindern ist. Der Besuch der Ausstellung sei all jenen dringend empfohlen, die nicht nur an der Fotografie, sondern an der Conditio Humana als solches interessiert sind.

Gauguin im Wiener Kunstforum

Ein kleine Enttäuschung ist dagegen leider die mit großem Aplomb angekündigte Ausstellung "Gauguin, unexpected" im Wiener Kunstforum, die schlicht zu wenig von dem zu bieten hat, wofür Gauguin in der Kunstgeschichte und beim Publikum steht. Aus Tahiti und den Marquesas sind nur zwei jener großen, ikonisch gewordenen Bilder in Öl zu sehen, die mit der Zeit ins kollektive, visuelle Gedächtnis jenes Bildungsbürgertums übergegangen sind, das sich gerade in Auflösung befindet. Aus der Bretagne gibt es mehrere Bilder, allerdings allesamt vor jenem Triumph farbintensiver Flächen, für die etwa "Jakobs Kampf mit dem Engel" steht. Es dominieren Gemälde aus Gauguins Frühzeit, in der er sich an Pissarro, Degas und Cézanne abarbeitete, sowie eher belanglose Radierungen, die er lediglich produzierte, um Geld zu verdienen.

Ungleich interessanter sind die formal groben, dunklen Holzschnitte aus der Südsee, bei denen man aber dennoch argwöhnt, dass sie nicht zuletzt entstanden, weil Leinwände und Ölfarben am Ende der Welt rar und teuer waren (und wer Gauguins Briefe und Selbstzeugnisse gelesen hat, weiß, dass es tatsächlich so war). Alles in allem ist die Ausstellung vor allem etwas für jene Besucher, die vorher noch nie näher mit Gauguin in Berührung gekommen sind; oder aber für Kennerinnen und Experten, die sich zum Beispiel für die Entwicklung von Gauguins groben, expressionistischen Pinselstrich interessieren.

Die nächste Ausstellung im Kunstforum ist übrigens wieder mal eine Retrospektive zum Werk von Anton Corbijn, bei der man sich fragt: Bitte, wer finanziert und organisiert das alles immer? Und wozu? Corbijn hat einige smarte Fotos von Prominenten gemacht und den einen oder anderen smarten Film mit Prominenten gedreht. Alles schön und gut, der Erfolg sei ihm gegönnt. Aber muss das wirklich sein, dass man ihm, seit er sechzig geworden ist, alle paar Jahre eine Retrospektive widmet? 2015 gab's eine bei C/O Berlin, 2019 im Bucerius Forum im Hamburg, dazwischen genug Ausstellungsbeteiligungen andernorts.

Marina Abramovic im Kunsthaus Zürich

Ganz sicher enttäuscht wird man nicht in Zürich, wo es die große Retrospektive (in dem Fall stimmt das Adjektiv) von Marina Abramovic gibt. Über das dazu erschienene, bildbiografische Buch habe ich im Frühjahr bereits bei Fotolot geschrieben, weshalb ich an dieser Stelle nicht noch einmal darauf eingehe. Nun ist im Oktober ein weiteres Buch erschienen, in dem das Augenmerk auf den Performances liegt, und nicht auf dem Leben der Künstlerin - wiederum eine Schatzkiste nicht nur für Fans: Angefangen mit "Rythm" (1972), wo Abramovic bekleidet auf dem Boden inmitten eines brennenden Sterns liegt. Das Feuer um sie herum war schließlich so stark, dass sie den Rauch einatmete und ohnmächtig wurde. Als die Zuschauer sahen, dass sie sich nicht bewegte, obwohl ihre Kleidung Feuer gefangen hatte, kamen sie ihr zu Hilfe und trugen sie ins Freie. Dreißig Jahre später verbrachte sie für "The House with the Ocean View" (2002) zwölf Tage am Stück in einer Galerie ohne Essen und nur mit Wasser, wobei man ihr bei ihren intimen Verrichtungen zusehen konnte.

Das Kunsthaus produzierte mit Freiwilligen auch Reenactments ihrer Performances. So hat man in einem öffentlichen Casting Menschen gesucht, die bereit waren zu versuchen, sich genauso lang (dreiundzwanzig Minuten) und ebenso rücksichtslos die Haare zu bürsten wie Abramovic in ihrer legendären Performance "Art must be beautiful" (1975).

Vor allem jungen Leuten empfehle ich den Besuch der Ausstellung, die auch eine Art Gegengift gegen die Zumutungen biederer Korrektheit in unserer Zeit ist. Eine solche Ausstellung wird es wohl erst wieder nach Abramovics Tod geben, weshalb ich allen Fans und Interessierten ihren Besuch ans Herz lege.

Brian und Nan im Kimono, 1983 © Nan Goldin. Courtesy the artist


Ein Gegengift gegen Biederkeit stellte lange (und tut es im Grunde bis heute) auch das Frühwerk von Nan Goldin dar, dem nun (neben großteils wenig berauschenden neueren Arbeiten aus den letzten zwanzig Jahren) eine große Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gewidmet ist. Den Kern des Ganzen bildet natürlich wie immer "The Ballad of Sexual Dependency" (1986), zusammengestellt aus teils höchst intimen Fotos aus ihrem persönlichen, subkulturellen Umfeld seit 1978, die zugleich allgemein gültige Zeugnisse des Kampfes um Anerkennung der damaligen LGBT-Szene New Yorks sind, nicht zuletzt in Zeiten von AIDS.

Im Januar 2023 wurde Goldin in der Berliner Akademie der Künste der "Käthe Kollwitz Preis" verliehen. Dazu gab es auch schon eine umfassende Ausstellung, die Schwarzweiß- und Farbfotografien aus den frühen Bostoner Jahren, Fotos aus New York, Berlin und Asien sowie aktuelle Großformate versammelte. Auch wenn die Auswahl vom Umfang her nicht mit der Retrospektive in der Nationalgalerie vergleichbar ist, wirft die zeitliche Komponente doch Fragen auf: So viele hochkarätige Ausstellungen, die in London, Paris, Wien oder Basel zu sehen sind, gehen inzwischen zielsicher an Berlin vorüber, sodass ich keinen Sinn darin sehe, derselben Künstlerin innerhalb kürzester Zeit unter großzügiger Verwendung öffentlicher Gelder zweimal eine Retrospektive am selben Ort zu widmen. Zeitgleich mit der Ausstellung in der Akademie lief in Amsterdam jene Retrospektive, die nun in der Nationalgalerie zu sehen ist.

Dass es hier zu keiner sinnvollen Absprache zwischen den Institutionen kam, hat vielleicht auch damit zu tun, dass Direktor Klaus Biesenbach, der die Nationalgalerie wieder in den internationalen Fokus rücken soll, die Übernahme der Ausstellung vom Modern Museet in Amsterdam längst geplant hatte, bevor er 2022 offiziell sein Amt in der Nationalgalerie antrat. Die FAZ preist Biesenbach als "Leiter des ranghöchsten deutschen Museums", der eine "Bilderbuchlaufbahn in der Kunstwelt" hingelegt und sich dabei einen "legendär-verklärten Ruf" erworben hat. Er war unter anderem "Chief Curator at Large im MoMA ", einer "Kaderschmiede der Moderne", und setzte in der Nationalgalerie gleich zu Beginn die "bedeutendste, persönlich verantwortete Schau" über Andy Warhol in Szene. Auch wenn diese Eloge eindeutig zu dick aufgetragen ist: Während Nan Goldins Rede und den darauf folgenden, lautstarken Störungen durch die "Free-Palestine"-Fraktion blieb Biesenbach ruhig und beharrte darauf, mit Goldin nicht einer Meinung zu sein.

Es sei mir seitens der werten Leserinnen und Leser gestattet, auf Goldins Rede nicht vertiefend einzugehen.

Goldins Herangehensweise war schon immer direkt, impulsiv, ungefiltert, ihre Aussagen waren durchwegs subjektiv und emotional. Auch für Opfer-Erzählungen war sie immer schon anfällig. Etwa, dass sie als Frau mit ihren Fotos in den Galerien lange keine Chance hatte. Aber welche männliche Fotograf hatte mit Bildern aus seinem privaten Umfeld, die ihn mit anderen Leuten beim Abhängen, beim Sex und beim Drogenkonsum zeigen, in den achtziger Jahren bei Galerien Erfolg? Die bereits angesprochene Mary Ellen Mark wurde zur selben Zeit mit ihren Reportagen aus randständigen, prekären Milieus in Magazinen und Zeitungen wie Time, GEO, Stern, Life oder New York Times berühmt und vielfach ausgezeichnet, eine Dokumentation über ihr Werk 1985 für den Oscar nominiert.

Goldins expliziter Antizionismus ist zudem relativ jungen Datums, um nicht zu sagen: So richtig Fahrt aufgenommen hat er wohl erst, seit Laura Poitras im Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" (2022) aus Goldins persönlich motiviertem Kampf gegen die Sackler-Familie im Zuge der Opioid-Krise die filmische Hagiografie einer Heroine des künstlerischen Aktivismus geformt hat, eine Nan d'Arc der Unterdrückten und Marginalisierten. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum es zuvor in Amsterdam und Stockholm diesbezüglich keine besonderen Vorkommnisse gab.

Völlig unabhängig von alldem ist der Besuch einer Goldin-Retrospektive natürlich immer eine lohnenswerte Angelegenheit.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de