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Buntheit der Nacht

Über Bilder, Bände und Sites Von Thierry Chervel
27.02.2018. David Grahams Bilder von der Schwulenszene in Mexiko-Stadt zeigen vor allem eins: Es gibt inzwischen so etwas wie eine Buntheit der Nacht. Moderne Digitalkameras sind so lichtempfindlich, dass sie der Nacht alle Düsternis nehmen.
Manche Fotobücher wirken wie Reportagen ohne Text. Das Genre der Fotoreportage, wie es der Stern, Life oder Paris Match pflegten, gerät in Vergessenheit. Es gibt Online-Formate, die ihm ein bisschen entsprechen, Multimedia-Dossiers zum Scrollen mit Bildern, die über den ganzen Bildschirm gehen, oder Texte mit Bilderstrecken. Der Nachteil des Online-Formats gegenüber dem Magazin oder Buch ist aber die  Flüchtigkeit. Man sieht die Bilder, sie sind beeindruckend, aber man kann nicht zwei Wochen später nochmal danach greifen (oder man kann es, tut es aber nicht). Bei Bildern ist es vielleicht noch wichtiger als bei Text, dass sie sich materialisieren, und das ist sicher einer der Gründe für den Boom des Fotobuchs im Zeitalter von Instagram.


Transe in Mexiko-Stadt: Copyright David Graham.

Aber schon im Print stellt sich stets die Frage nach dem Verhältnis von Bild und Text: Ein Bild, so scheint mir nach Durchblättern vieler Fotobücher, sagt oft mehr, wenn es durch tausend Worte in den Kontext gestellt wird. Viele Fotobücher behaupten eine Autonomie der Fotografie, die diese in vielen Fällen überhaupt nicht einlösen kann. Die Kombination und das Layout beider Elemente sind zumindest dann unschlagbar, wenn ein Fotograf etwas erzählen will.

Darum liefert das einseitige Vorwort David Grahams mehr Informationen als die Kaskade der Bilder, die ihm folgen: In Mexiko-Stadt gibt es also eine blühende Schwulenszene. Altmodisch wie sie sind, treffen sich die Schwulen in den letzten Wagen der rosa Linie, die nicht nur auf den Metroplänen der Stadt rosa ist, sondern von West nach Ost durch das Schwulenviertel führt. In anderen Städten, so Graham, sei die Zahl der Schwulenclubs drastisch zurückgegangen - gilt das auch in Berlin? -, weil sich die Männer heute online verabreden. Die Mexikaner aber halten an der Romantik der dunklen Gänge, der verschwiegenen Parks und der schrillen Darkrooms fest. Graham erklärt dann noch sein Staunen, dass es in Mexiko eine so sichtbare und freie Schwulenszene gibt.


Eine Station auf der rosa Linie: Copyright David Graham.

Damit ist nichts gegen seine Fotos gesagt. Sie zeigen mir vor allem eins: Es gibt inzwischen so etwas wie eine Buntheit der Nacht. Moderne Digitalkameras sind so lichtempfindlich, dass sie der Nacht alle Düsternis nehmen. Kein Brassai mehr, der die Bilder aus der Schwärze holte. Ich habe den Eindruck, dass Graham auch ganz ohne Blitz arbeitete, also auch kein Weegee mit hysterischen Schlagschatten, die heute nur mehr wie ein ironisches Zitat wirkten. Grahams Band hat etwas angenehm Albumhaftes. Es dokumentiert eine bestimmte Subkultur zu einem bestimmten Zeitpunkt.

In vier Genres lassen sich seine Bilder einteilen, die sich durch den ganzen schmalen Band wiederholen: Erhaschte Szenen homosexuellen Lebens in der U-Bahn oder auf der Straße, merklich gestohlene Bilder, für die Graham versuchte, unauffällig zu arbeiten - er erklärt selbst in seinem Vorwort, dass er in manchen Momenten Angst hatte. Dann, mit größerer gestalterischer Entspanntheit, architektonische Gesamteindrücke von der U-Bahn, fluoreszierende Szenen aus Diskos und Darkrooms - und die Transen, die die einzigen sind, die sich offen der Kamera stellen und für sie posieren.

Thierry Chervel

David Graham: The Last Car Cruising in Mexico City. Gebunden. 24 x 30 cm, 128 Seiten 102 Farbabbildungen. Englisch. Kehrer Verlag, Berlin 2018, 39,90 Euro. Buch beim Verlag. ISBN 978-3-86828-836-0. (Bestellen bei buecher.de)