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Wie eine Krone aus lebenden Tieren

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
18.02.2026. Graciela Iturbide, eine der bedeutendsten Fotgrafinnen Mexikos, siedelt ihre Fotografie bewusst an Schnittstellen an: von indigener und hispanischer Kultur, von Arm und Reich, von urbanen und ruralen Räumen, von Mann und Frau, von Leben und Tod. Sie fotografiert Zapoteken, tote Kinder, sich selbst, Vögel, Kakteen. Ihre Retrospektive im C/O Berlin ist ein Muss für alle Freunde der Fotografie.  
Graciela Iturbide hatte ursprünglich vor, Filmregisseurin zu werden, als sie in einem Kurs an der Universität dem bekannten Fotografen Manuel Álvarez Bravo begegnete. Für kurze Zeit wurde sie seine Assistentin und lernte durch ihn die Arbeiten von Künstlern wie Edward Weston, Henri Cartier-Bresson oder Frida Kahlo kennen. Bis dahin musste sich die 1942 in Mexiko City geborene, junge Mutter vor allem um ihre Kinder kümmern - heute gilt sie neben Bravo als die bedeutendste Fotografin Mexikos.

Während Bravo ein Vertreter klassischer Dokumentarfotografie mit sozialkritischer Komponente ist, entwickelt Iturbide einen Begriff von Fotografie, der mit dem persönlichen Hintergrund der Fotografin eng verbunden ist.

"Was dir ins Auge fällt und deine Kamera auf etwas richten lässt, ist äußerst subjektiv. Fotografie ist nicht Wahrheit. Eine Fotografin interpretiert das, was sie vor sich hat. Du komponierst, man könnte sogar sagen, du erträumst die Realität. Die Aufgabe einer Fotografin besteht darin, das eigene Wesen in das Gesehene einfließen zu lassen, die Wirklichkeit in Poesie zu verwandeln."

Sie beginnt, mit der Kamera in Mexiko City herumzustreifen und entdeckt das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Wobei sie sich des "großen Glücks"  bewusst ist, in einem Land geboren zu sein, das ebenso von seinen indigenen Kulturen geprägt ist wie von den Folgen der spanischen Kolonialisierung, und in dem neben einer großen kulturelle Vielfalt ebenso große soziale Ungleichheit herrscht. 

Iturbide siedelt ihre Fotografie bewusst an Schnittstellen an: von indigener und hispanischer Kultur, von Arm und Reich, von urbanen und ruralen Räumen, von Mann und Frau, von Leben und Tod

1970 stirbt ihre gerade mal sechs Jahre alte Tochter Claudia unter tragischen Umständen. Iturbide beginnt daraufhin, sich in ihrem Werk intensiv mit dem Tod auseinanderzusetzen. 

© Graciela Iturbide


In Mexio wird der Tatsache des eigenen Todes anders begegnet, als auf jene pietätvolle Weise zwischen demütigem Schweigen und schmerzhafter Agonie, wie man sie aus unseren Breitengraden kennt. Am "Dia de Los Muertos" schmücken die Menschen Altäre und Gräber mit Blumen, veranstalten auf Friedhöfen ein Picknick, verkleiden sich als Sensenmann und verzehren Totenköpfe aus Zucker.

Etwas, das westliche Kunstschaffende immer schon fasziniert hat, und in Sergej Eisensteins Filmfragment "Que viva Mexiko" ebenso seine Spuren hinterlassen hat wie in Malcolm Lowrys epochalem Roman "Unter dem Vulkan" (1984 von John Huston verfilmt). 

Als Folge des Verlusts ihrer Tochter gilt Iturbides Augenmerk dabei vor allem den "Angelitos", verstorbenen Kindern, die in Mexiko traditionell als Engel verkleidet werden. Bei einer Friedshofsprozession wird es Iturbide gestattet, die Trauernden zu fotografieren. Am Ende öffnet man sogar den kleinen Sarg für sie, damit sie den toten Angelito fotografieren kann.

Eine Situation, die bezeichnend ist für Iturbides Arbeit, die nicht zuletzt davon lebt, dass es ihr gelingt, den Menschen, die sie fotografiert, wirklich nahe zu kommen und ein Vertrauensverhältnis zu ihnen aufzubauen, das über den Zeitraum des Projekts hinaus wirkt und zu echten Freundschaften führt. 

Etwas, das vor allem für die beeindruckenden Arbeiten von großer Bedeutung ist, die im ersten Raum der Retrospektive "Eyes to fly with" versammelt sind, die gerade bei "C/O Berlin" zu sehen ist. (Die erste Gesamtschau über Iturbide nach Deutschland gebracht zu haben, darf sich übrigens das "Fotografie Forum Frankfurt" auf die Fahnen schreiben.)

Die Sonora-Wüste verbindet den Nordwesten Mexikos und den Südwesten der USA. Der Grenzverlauf ist heute Schauplatz des Drogenhandels und der illegalen Einwanderung in die USA. Das Gebiet zwischen Nogales und dem sechshundert Kilometer weiter östlich gelegenen Ciudad Juarez gilt seit längerem als einer der gewalttätigsten Grenzverläufe der Welt.

Hier spielt Denis Villeneuves illusionsloser Drogenkartell-Thriller "Sicario", dessen Brutalität noch getoppt wird von Cormac McCarthys ikonischem Roman "Blood Meridian", in dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Truppe gedungener Mörder im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet im Auftrag des Gouverneurs von Chihuahua wahllos Indianer massakriert und skalpiert. Die Gewalttaten der Indianer werden wiederum als Reaktion darauf geschildert, dass US-Amerikaner und Mexikaner sie systematisch ausrotten wollen.

© Graciela Iturbide


Als Iturbide 1979 die indigene Gemeinschaft der Seri in der Sonora Wüste fotografierte, hatte sie nur noch fünfhundert Mitglieder, die als zur Sesshaftigkeit gezwungene Nomaden ein entbehrungsreiches Leben am Rande der Gesellschaft führten. Iturbide lebte einen Monat lang unter ihnen, fotografierte sie in ihren traditionellen Gewändern, fängt aber auch den unausweichlichen Wandel ein, dem eine solche Gemeinschaft im Vorhof der USA unweigerlich ausgesetzt ist, exemplarisch festgehalten in ihrem Foto von der "Mujer Angel", der Engelsfrau, die ein Transistorradio mit sich führt, während sie Iturbide den Weg zu Höhlenmalereien in der Wüste zeigt.

Ebenfalls im ersten Ausstellungsraum befindet sich Iturbides Serie über die Zapotekenstadt Juchitán im südlichen Bundesstaat Tehuantepec, die eine Balance zwischen der Welt ihrer Mythen und Traditionen und der Moderne gefunden haben, und beides im Alltag verbinden. Iturbide findet wohlwollende Aufnahme und verbringt ab 1979 die nächsten zehn Jahre damit, das Leben in Juchitán einzufangen. 

Im Unterschied zum übrigen Mexiko haben zapotekische Frauen seit jeher mehr Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. "Sie waren für die Finanzen zuständig, hatten mehrere Jobs gleichzeitig, tranken, tanzten und amüsierten sich genau wie die Männer." Eines der eindrücklichsten Porträts, das unter diesem Eindruck entstand, ist "Unsere Liebe Frau von den Leguanen", das eine Zapotekin zeigt, die mehrere Leguane auf dem Kopf mit sich herumträgt wie eine Krone aus lebenden Tieren.

© Graciela Iturbide


Dieses Porträt schlägt eine Brücke zum Werk von Frida Kahlo, in dem Tiere (Affen, Vögel, Schmetterlinge) immer eine symbolische, teils mythisch aufgeladene Bedeutung haben. Nicht zufällig trägt Kahlo in ihren Selbstporträts (etwa hier) die von ihr geliebte, weiße Tehuana-Tracht der Zapotekinnen. 

"Selbstporträts helfen dabei, sich selbst zu hinterfragen und bewusster wahrzunehmen. Für mich haben sie etwas sehr Heilendes", wird Iturbide später einmal sagen.
Ursprünglich spontan entstanden, setzt sie sich erst spät intensiver mit dem Genre auseinander. Aufnahmen wie das Selbstporträt, auf dem sie ihre Augen mit je einem toten und einem lebendigen Vogel bedeckt, stellen einen deutlichen Bezug zu Kahlo her. 

Auch die für Kahlo wichtigen Vögel, allen voran Papageien und Kolibris, werden für Iturbide mit der Zeit zu einem wichtigen Topos ihrer Arbeit. (In der bei Ornithologen wie Künstlerinnen gleichermaßen beliebten Serie von Fotobüchern zum Thema "Vögel" beim französischen Verlag "Atelier EXB", ist ein Band selbstverständlich auch Iturbides Arbeiten zu Thema gewidmet.)

Auch wenn Iturbide sich bewusst von Kahlo abgrenzt und darauf Wert legt, keinesfalls der "Fridamania" zu huldigen, fotografiert sie auf Einladung in Kahlos legendärem "Blauen Haus", das später zu einem Museum wurde. Zwei Badezimmer waren seit Kahlos Tod 1954 verschlossen, und Iturbide nimmt nicht nur die Gelegenheit wahr, sie seither zum ersten Mal zu fotografieren, sondern macht auch ein Foto ihrer Füße in Kahlos Badewanne, die wiederum ihre eigenen Füße in dieser Badewanne im buchstäblich traumhaften Bild "Was mir das Wasser gab" von 1938 verewigt hat.

Das und noch viel mehr (Fotos von Reisen, Kakteen und der lateinamerikanischen Diaspora in Kalifornien) gibt es noch bis zum 6. Juni bei C/O Berlin zu sehen - ein Muss für alle Freunde und Freundinnen der Fotografie.  

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de