14.07.2026. An heißen Tagen kann man etwas Kühlendes lesen, Flaubert zum Besipiel. Man kann sich aber auch in die Rostlaube begeben und Hartmut Rosa bei einem Gespräch "zur Beziehung von Bürgerschaft und Demokratie" mit dem Peter und dem Stefan folgen. Klar, es geht den Bach runter. Dazu gibt es viele Daten. Aber es geht den Bach auch wieder rauf. Im Grunde war es so, wie es bei jeder Party ist, auf dem Balkon nach Mitternacht, wo die Raucher und die Nichtraucher am Ende eine Gemeinschaft bilden.
Mein Tip an heißen Tagen: was Kühlendes lesen. Bei manchen funktioniert Djuna Barnes, bei anderen Brecht, ich kann Flaubert und Grace Paley empfehlen, aber auch die Tagebücher von Virginia Woolf. Wer wissenschaftliche Erfrischung vorzieht, könnte die WebsiteSoziopolis aufrufen, die jede persönliche Erhitzung (aus Zorn wie aus Enthusiasmus) beiläufig randomisiert: Du bist immer schon Teil von mehr als einer Gruppe, sagt die Soziologie, ob du willst oder nicht, und das meiste, was du so den lieben langen Tag authentisch denkst und fühlst, unterscheidet sich von dem, was andere denken und fühlen, allenfalls im Quantenbereich.
Zunächst mag diese Erinnerung kränkend sein, doch kann sie auch den Effekt einer Brandsalbe (oder einer after-sun-Lotion) haben: sie entdramatisiert, erlaubt Ironie, stimuliert Dialektik, versöhnt mit der Wursthaftigkeit der Zeitgenossen wie der eigenen. Zudem ernüchtert sie mit Daten, jedenfalls im empirischen Fach, und verhütet so wilde (und naturgemäß blutdrucksteigernde) Spekulationen. Ob man also mit Niklas Luhmann die gletscherhaften Höhen des strukturellen Denkens erklimmt oder mit Jutta Almendinger die bodennahen Verhältnisse erkundet: man kommt mit den Gesellschaftswissenschaften doch erstmal runter vom Baum (nicht der Erkenntnis) und kühlt sich gleichsam von innen ab.
"Bouvard und Pécuchet", das kühlt! Foto: Elke Schmitter
Insofern war ich, mit gut einhundert Anderen, optimistisch gestimmt, da ich im Hörsaal 1 der Rostlaube bei gut 30 Grad auf den sympathisch jungenhaft wirkenden Hartmut Rosa schaute, der über "bürgerschaftlichen Republikanismus" dozieren sollte. Als, unter anderem, "knallharter Soziologe"! So kündigte man den Jenaer Professor an. Doch entschieden sich die drei freundlichen Herren mittleren Alters, die einander Peter, Stefan und eben Hartmut hießen, statt einer Vortragsordnung spontan für eine Unterhaltung über den Stand der Demokratie und wie man denselben verbessern kann. Dafür sprach, schon klar, das Demokratische an sich, bei dem es ja weniger um Belehrung als um Überzeugung geht. Dagegen sprach die Sitzordnung, bei der die drei an einer Tafel, die für zwei Abendmahlrunden gleichzeitig Platz geboten hätte, wie die Jünger nebeneinander saßen, so dass sie sich einander kaum zuwenden konnten, ohne jeweils einen von ihnen abzuspalten. Ein einfaches Tischerücken hätte genügt, und es wäre vielleicht zu einem Gespräch gekommen. Stattdessen lösten sich die Monologe ab, artigerweise jeweils begonnen mit einer Phrase à la "da gehe ich mit", "da stimme ich zu". Was sich dann entfaltete: wie könnte man das zusammenfassen?
Es geht den Bach runter.
Dazu gibt es viele Daten! Das wurde immer wieder beschworen, und diese Daten beziehen sich auf Deutschland, aber auch auf die ganze Welt, in der die Demokratieverdrossenheit zunimmt, das Vertrauen in die Zukunft abnimmt, die jungen Menschen nicht einmal mehr feiern gehen. Wie so ein weltweiter Eindruck gewonnen wird, da es doch eine Reihe von Ländern gibt, wo es mit der Datenerhebung nicht einfach ist - hey, da müsst ihr uns schon vertrauen! Im Zweifel besinnen wir uns auf uns selbst. Zum Beispiel auf die achtziger Jahre, da es mit der westdeutschen Zukunft düster aussah (Waldsterben, atomare Aufrüstung), aber die Lebenslust größer war. Oder auf Zeiten, da man sich noch analog begegnete, es auf dem Land noch Kneipen gab und man daran glauben konnte, dass die Kinder es einmal besser haben. Als überhaupt mehr Wir war und der Mensch auf dem Planeten Erde, in seinem Land, in seinem Dorf, in seiner Haut noch jene Intaktheit irgendwie spürte, die wir uns alle doch wieder wünschen. Und die wir auch wieder kriegen! Wir brauchen, so sagt es der Hartmut, einfach "den Funken, der uns in Bewegung setzt", dann wird das schon. Denn "die Menschen", davon ist er tief überzeugt, "wollen eigentlich zum Guten beitragen".
Es geht also den Bach runter, aber es geht ihn auch wieder rauf.
Dazu brauchen wir nur dieses eigentlich gute Wir, und das lässt sich überall finden, wo Menschen zusammen kommen, wo es also ein Gemeinwohl gibt, von dem wir intuitiv schon wissen, wie es aussieht; das ist wie in einem Haus, wo es durchs Dach regnet, da wollen auch alle, dass es gedeckt wird, egal ob sie arm sind oder reich, schwarz oder weiß, ob sie im Erdgeschoss logieren oder im Obergeschoss. Und, klar, das räumt der Hartmut in einem Nebensatz ein, es kann schon auch mal Interessen geben, die sich widersprechen, wir leben in einer pluralen Gesellschaft, das ist alles nicht so einfach. Aber dass wir alle miteinander mitten in einer "Weltbeziehungskrise" stecken, das ist doch offensichtlich. Und dazu gibt es auch Daten!
Im Grunde war es so, wie es bei jeder Party ist, auf dem Balkon nach Mitternacht, wo die Raucher und die Nichtraucher am Ende eine Gemeinschaft bilden, die frische Luft und ein wenig Nähe sucht und, wenn es gut geht, ein Thema findet, bei dem sich alle irgendwie einig sind. Eine gemütliche Faselei. "Deshalb finde ich Nietzsche so super", sagt ein mutmaßlicher Student zu seiner Kommilitonin beim Hinausgehen, "der kann das mit den Gefühlen!" Das kann, das lässt sich am Ende dieses Sommerabends sagen, der Hartmut aber auch! Der als Soziologe nicht nur knallhart Daten beherrscht, sondern dem auch etwas Flauschiges eignet. Sein sanftes Reden von der Beschleunigung, von der Härte des ewigen Steigerungsdrangs, von dem Bedürfnis nach Resonanz und Sinnhaftigkeit und von dem Guten, das wir alle wollen - all das changiert so charmant zwischen fundamentaler Gesellschaftskritik und gutbürgerlicher Erweckungspredigt, dass es eine Art wohliges Schaudern verbreitet, eine Spekulation auf das ganz große Desaster, das aber, hey, mit akademischen Séancen dieser Art in Schach gehalten wird. Zumindest für das stationäre Wir der Rosa-Jünger! Bei denen, das ist der Preis, den sie des Sommers zahlen, die innere wie die gemeinschaftliche Wärme steigt.
"Die Entdeckung des Republikanismus. Zur Beziehung von Bürgerschaft und Demokratie" Hartmut Rosa in der Freien Universität, 13.7.2026