ein wort gibt das andere

Eine Art von sozialem Vertrauen

Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
25.06.2026. Fünfzig Jahre  Courage: Ein Abend in der Bar jeder Vernunft erinnerte an die berühmte feministische Zeitschrift. Und an einen Feminismus, in dem mehr die Rede von dem war, was gemeinsam erreicht werden kann als von partikularen Identitäten. Politik war mehr durch die Richtung bestimmt, in die man wollte, als von den Wurzeln, dem Hintergrund, der diskriminierenden Erfahrung.

An diesem frühen Abend im Juni kann man die männlichen Besucher in der brechend vollen Bar jeder Vernunft an zwei Händen gelassen zählen. Die Courage hat eingeladen, und nun, liebe Nachgeborene, folgt ein Infoblock: Die westdeutsche Frauenzeitschrift bestand von 1976 bis 1984 und erzielte eine Auflage von knapp 70.000 Exemplaren. Ihre Themen reichten vom deutschen Arbeitsrecht zur internationalen Theorie der Psychoanalyse, von Frauen im Militär zur feministischen Filmkritik, von der weiblichen Altersarmut zum weiblichen Orgasmus, von der indischen Mitgift-Protestbewegung zum Kinderladen in Wuppertal. 

Courage, Februar 1979. Cover-Gestaltung: Sarah Schumann.

Sie wurde auf Papier gedruckt und per Post versandt an all jene, für die eine fortschrittliche Buchhandlung oder ein urban sortierter Kiosk nicht in Laufnähe war, und die einzelnen Exemplare erhielten - hier ist der Übergang vom Infoblock zum Anekdotenschatz - ihre Aufkleber vom Kollektiv einmal monatlich per Hand, denn "wir hatten zwar einen super Computer, aber keine Adressmaschine". Viele Cover waren künstlerisch anspruchsvoll; im Laufe der Jahre ging das Kollektiv dazu über, die Hefte im Umschlag zu verschicken, da zum Beispiel eine detailgenaue Abbildung des weiblichen Unterleibs, vergleichbar dem berühmten Courbet-Gemälde "L'origine du monde", aber von Sarah Schumann, zu scharfen Protesten von Leserinnen wie auch deren Männern geführt hatte. Als ob es nicht schon genug Pornografie gäbe! (Mehr Cover sind hier zu sehen.)

Gesprächsrunden mit Gründerinnen, Autorinnen und Freundinnen des Hauses, lange Pausen für parlando: insgesamt ein kluger kommunikativer Akt. Als wäre Habermas' Geist, der zwei Tage zuvor in der Frankfurter Paulskirche beschworen wurde, in die Bar jeder Vernunft geweht. Denn es ist doch ein kosmischer oder komischer Zufall, dass beide Versammlungsorte Rotunden sind - in der Paulskirche geschmückt mit einem Fries des gern abgründigen Johannes Grützke, auf dem die Parlamentarier der ersten deutschdemokratischen Stunde (ausschließlich Männer, versteht sich) einander dichtgedrängt folgen wie die Prozessionsspinner auf den Berliner Eichen.

Vermutlich spricht man anders im Runden, die Blicke multiperspektivisch wie eine interessierte Stubenfliege und das Publikum nicht als ein kompaktes Gegenüber, sondern wie eine Ummantelung, ganz ohne Ecken, Kanten und rechte Winkel. Vor allem spricht man anders, wenn zugehört wird. Wenn es nicht um Position, Kritik oder Verteidigung geht, aber auch nicht um Geständnisse. Eher um Erfahrung - die aber gebunden an ein gemeinsames Interesse, an etwas, das außerhalb des Ich liegt und es berührt. Das war, von heute aus betrachtet, die journalistische Ethik der Zeitschrift, die spröder wirkte als Emma, auch anspruchsvoller war, indem sie ihrem Publikum mehr Konzentration abverlangte und eine höhere Bereitschaft, sich Unbekanntes, auch Ambiges zuzumuten.

Die Reportage einer Studentin, die in einem Altenpflegeheim jobbte, erzählt von Entmündigung der "armen Frauen", die da gelandet waren. Arm im pekuniären Sinne, aber arm eben auch, weil niemand sich ihrer annahm, wenn sie nicht mehr alleine leben konnten - und weil so etwas wie eine Alters-WG Ende der siebziger Jahre gesellschaftlich nicht einmal gedacht wurde. "Drei Viertel der Alterskranken - meist alleinstehende, über siebzigjährige Rentnerinnen - sterben schon in den ersten hundert Tagen nach der Aufnahme." Doch Angelika Mundel erzählte auch von der überforderten Schwesternschaft, bei der als "ungezogen" galt, wer auf seinen Rechten bestand, und von ungelernten Hilfskräften wie ihr. "Ich konnte mich kaum gegen das Verhärten und Abstumpfen wehren. Ich wurde Mitwisserin, Mitschuldige. Aber in meinem Zeugnis steht: 'Fräulein Angelika war ehrlich, fleißig, pünktlich und war bei den Patienten und Mitarbeitern beliebt.'" 

Dass jedem Gespräch, das seinen Namen verdient, das Ideal der Wahrheitssuche innewohnt, dass es Wahrhaftigkeit zur Bedingung hat und dass Macht und Angst es nicht nur stören, sondern von innen heraus zerfressen - daraus entfaltete Habermas seine Theorie der kommunikativen Vernunft. Feminismus hat ihn nicht sonderlich interessiert, doch der universalistische Anspruch seiner Lehre gab akademischen Rückenwind. "Suche für meine Diplomarbeit zum Thema 'Konfliktschwangerschaften' in der BRD Material", so lautete eine typischen Kleinanzeige in der Courage, selbstverständlich mit Namen, Adresse, Telefon. Es gab eine Art von sozialem Vertrauen, das heute verblüfft.

Kleinanzeigen in Courage.




Die Redaktionssitzungen der Zeitschrift waren, in wechselnden Städten, einmal im Monat öffentlich. In diesem historischen, bunten Gewebe aus feministischen Buchläden und Lesezirkeln zu Adrienne Rich, Christa Wolf und Doris Lessing, in diesen Aktionsformen von Kinderläden, Sommerunis und Frauengesundheitszentren, in diesen ad-hoc-Koalitionen gegen Berufsverbote und für einen Enttabuisierung der Menstruation war erstaunlich viel Wut und Optimismus zugleich - auch in der Besinnung auf Tradition. Die Frau in der Musik, in der Kunstgeschichte, in der Wissenschaft, in den Protestbewegungen: das waren Themen, die wenig konfliktträchtig, aber materialreich und stärkend waren für ein progressives "Wir", das wiederum präsenter, schlichter, auch energiegeladener erscheint als das heutige. Es war mehr von dem die Rede, was gemeinsam erreicht werden kann als von partikularen Identitäten; Politik war mehr durch die Richtung bestimmt, in die man wollte, als von den Wurzeln, dem Hintergrund, der diskriminierenden Erfahrung. Wie viele der hier Anwesenden hätten mühelos das Akronym FLINTA ausbuchstabieren können? Und wie viele der Jüngeren wiederum wissen vom "Tag der Frauen" in Island vor 51 Jahren, der das Land von einem der letzten Plätze im Westen, was Geschlechtergerechtigkeit betrifft, ganz nach vorne brachte, mit geradezu heiterer Entschlossenheit? Wie viele haben von der Initiative "Enough!" für einen Generalstreik der Frauen weltweit gehört? Fragen wie diese in die Runde hätten anschaulich gemacht, wie es um das Generationenverhältnis im Feminismus steht. Und wie eine Bewegung zu Kräften kommen kann, die gerade so offensichtlich und so bitter nötig ist. 

Elke Schmitter

"50 Jahre Courage", mit (u.a.) Halina Bendkowski, Traude Bührmann, Annette C. Eckert, Eva-Maria Epple, Doris Fürstenberg, Gitti Hentschel, Magdalena Kemper, Sibylle Plogstedt, Helke Sander, Dorothea Schemme, Gislinde Schwarz, Sabine Zurmühl, Bar jeder Vernunft; 22.6.