ein wort gibt das andere
Kampf und Kommunikation
Exkurse ins Berliner Geistesleben. Von Elke Schmitter
01.06.2026. In seiner Droysen-Lecture setzte Andreas Wirsching Geschichtswissenschaft und Gegenwart in Beziehung und nahm dabei drei große Vorgänger unter die Lupe: Thomas Macaulay, Jules Michelet und Heinrich von Treitschke. An dieser Stelle wurde mir die Vorgeschichte meines "Gefühls für Geschichte" schlagartig erhellt, und ich fragte mich, wie einst als Kind: Was hat das mit meinem letzten Weihnachtsgeschenk, dem schimmernden Nicky mit Feinrippbund zu tun?In meiner Schulzeit war die Geschichte eine Art Zeughaus. Ein dämmriger Ort mit strenger Besuchsordnung, in dem Anekdoten, Perücken und Daten von Krönungen und Kriegen in einer Unordnung beieinanderlagen, in welche die grubenlampige Helligkeit einzelner Prüfungstage nicht einmal Schneisen zu schlagen vermochte. Kein Gedanke erst recht an eine Achse, auf der die erlebte westdeutsche Gegenwart in irgendeiner sinnigen Beziehung zur Vergangenheit hätte erscheinen können - allenfalls regionales niederrheinisches Schaudern angesichts von Wällen und Mulden im Walde, die "napoleonisch" hießen und bei denen man sich vorstellen konnte, die eigenen Vorväter hätten, eine Muskete im Arm und das verwundete Bein notdürftig umwickelt, dort ängstlich das Ende des Kampfes erwartet. Eine Anknüpfung an die Welt von Gestern gab nicht einmal die Industrielandschaft, denn Bergbau oder Eisenverhüttung waren noch nicht Geschichte genug, um sie zu konservieren und zu Pilgerstätten der sozialdemokratischen Aufklärung zu machen. Da waren Heimatmuseen, gewiß. Doch wie eine Verbindung knüpfen vom dort ausgestellten wurmstichigen Webstuhl zum letzten Weihnachtsgeschenk, dem schimmernden Nicky mit Feinrippbund? Kurz: "Die Geschichte" war keine Einladung für die Gedanken, erst recht nicht für eine "Identität". Und die NS-Zeit, so sie überhaupt Thema war, ragte aus all dem hervor wie ein erloschener Vulkan.
Was sich seither entwickelt hat, ist ein Sinnangebot sondergleichen; die deutsche Geschichtswissenschaft nahm eine geradezu festliche Entwicklung. Wir können uns mit einem Sonderweg befassen oder ihn auch bestreiten, wir sind auf dem langen Weg nach Westen oder stehen fest in der Mitte Europas, wir sind eine geläuterte oder wieder verdächtige Nation, anders als alle anderen oder doch universal. Wir sind seit Jahrzehnten damit beschäftigt, uns zu erklären, was nicht zu begreifen ist, denn wer über manche Dinge den Verstand nicht verliert, wie Lessing lange zuvor schon wußte, der hat keinen zu verlieren. Aber, von dieser empfindlichen Stelle namens Shoah abgesehen, kann man, ex-ost wie -west, inzwischen Kleider anprobieren, die unterschiedliche Silhouetten erlauben, sogar Frauen, Queere und Migrantinnen kommen vor; es ist, in diesem enormen historischen Angebot zwischen Geschichtswerkstätten, Straßenumbenennungsdiskussionen und einer lebendigen Publizistik, für fast alle etwas dabei. Wie das eigentlich kam, damit befasste sich der Historiker und ehemalige, langzeitliche Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Andreas Wirsching, in der diesjährigen Droysen-Lecture. Und ließ in der Ankündigung seines Vortrags auch jene Fragen zu, die das allgemeine Publikum nun einmal quälen wie bereichern, insofern sie sich weder abschließend beantworten noch von der Hand weisen lassen: Können wir von der Geschichte lernen? Und, in diesem Fall noch einmal zugespitzt: lernen Historiker eigentlich selbst voneinander?
Wirsching nahm sich drei Phasen der Geschichtsschreibung vor, beginnend mit dem 19. Jahrhundert und anhaltend in der kürzlichen Vergangenheit, mit einer Würdigung der US-Historikerin Natalie Zemon Davis, die 2023 gestorben ist. Davis, maßgebliche Genderforscherin und berühmt geworden als Autorin bisher ungehörter Stimmen (ihre "wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre" wurde einmal mit Gérard Depardieu, ein zweites Mal mit Richard Gere verfilmt) fungierte in Wirschings Betrachtungen als Galionsfigur für eine optimistisch stimmende Wende, seit der es weniger um allgemeine historische Theorien (zu gleichwelchem Thema) und entsprechend erbitterte Richtungskämpfe ginge als um ein autopoietisches System, das seine Fragen unaufhörlich erneuert und seine Deutungen in einer Art Selbstreflexion friedlich schärft. In dem Kolonialsmusforschung, Geschlechtergeschichte, Nationalgeschichten et cetera im Gespräch miteinander sind und die Forschung sich auch "als Zulieferbetrieb für Identitätskonstruktion" verstehen darf.
In Wirschings Darstellung erschien das als enorme Entlastung von der europäischen Geschichtsschreibung im kurzen 20. Jahrhundert, die, von Krieg und Disruption gezeichnet, Lernen mit- und voneinander systematisch erschwerte. Das sich Abschließen der Zunft, die konsequente Verächtlichmachung Kollegen weiblichen Geschlechts, jüdischer oder nichtbürgerlicher Herkunft, die Verbarrikadierung gegen transnationale Themen - der Vortrag streifte das in eindringlichster Weise. Und formte aus dem Publikum zu mindestens einem Zeitpunkt eine Gruppe, insofern es eine gemeinsame Erfahrung gab: Man betrachtete das Foto des französischen Historikers Pierre Renouvin, auf die Leinwand im Saal projeziert, und war miteinander im Bann eines finsteren Bilderrätsels. Denn die Schulterpartie des Uniformierten, der da frontal in die Kamera blickte, war scharf belichtet und doch unentzifferbar. Es war nicht zu erkennen, ob der etwa Zwanzigjährige zum Zeitpunkt dieses Porträts schon Kriegsinvalide war oder noch beide Arme besaß. Gewiss aber ist, dass er einer jener progressiven Historiker wurde, die eher in Bedingtheiten denn in großen Taten dachten und Mentalitätsforschung im Sinne der Völkerverständigung begründeten.
Das größte Gewicht legte Wirsching indes auf das lange 19. Jahrhundert - als uns genealogisch besonders nahe. Insofern da anfänglich gedacht wurde, wie wir es heute noch tun, in jenen Begriffen, die uns nicht nur vertraut, sondern bis zum Überdruss selbstverständlich sind: Nation, Fortschritt und Weltgeschichte. Drei Historiker aus drei europäischen Ländern porträtierte Wirsching, die anhand der französischen Revolution zu jeweils eigenen Schlüssen kamen, wie Volk und Vaterland, aber auch die Elemente Kampf und Kommunikation zusammenhängen. Der Brite Thomas Macaulay (ein offenbar liebenswürdiger Hochbegabter, der seine Vorschulkameraden mit dem Ansinnnen verstörte, er wolle "Homer spielen", und daraus den Achill) warnte die britische Aristokratie vor eben jenem Hochmut, der für ihre Vorfahren auf dem Kontinent das Schafott zur Folge hatte. 1789 war in Macaulays Augen eine vermeidbare Katastrophe, denn schließlich gab es, siehe das ruhmreiche Britannien, die Möglichkeit, parlamentarisch zu streiten, den Kampf durch Kommunikation zu vermeiden. Ganz gegenteilig sein Pariser Kollege Jules Michelet, prominent und stilbildend wie er, jedoch überzeugt von der Revolution als Ausgangsort der Befreiung. Und hier, so Wirsching, sprechen wir nicht nur von der Befreiung der Armen von ihren feudalen Unterdrückern, nicht nur von der Befreiung des Geistes vom Dunkel der Vorzeit: Nein, es ist die Geschichte der Völker überhaupt, die hier ihren Dreh- und Angelpunkt hat, hin zu einer Zukunft der Menschheit, welche Frankreich zum Modell nehmen soll: Seid dankbar, Nationen, für dieses Anschauungsmaterial - das es natürlich nur durch die Geschichtsschreibung selber gibt. Ohne die Macaulays und Michelets ihrer Zeit würden wir, das nimmt das Publikum in der Jägerstraße, übrigens alters- wie habitusmäßig gemischt, wohl mit Sicherheit aus diesem Vortrag mit, alle vielleicht nicht weniger, aber doch anders denken.
Mit Wirschings Bemerkungen zu Heinrich von Treitschke schließlich komme ich schwerelos wieder in meiner Jugend an. Nicht wegen dessen Antisemitismus, sondern wegen der "borussischen" (= pro-preussischen) Haltung, mit welcher der so prominente wie mächtige Treitschke seiner Zunft, wie Wirsching mit einer gewissen Behaglichkeit ausführt, eine provinzielle deutsche Position in der Geschichtswissenschaft selbständig erschaufelte: vom militaristisch-großmannssüchtigen Preußen aus ließ sich nun einmal "ums Verrecken nicht universalisieren". Hier, in der Nische mitten in Europa, war kein Vorbild für den allgemeinen Fortschritt zu modellieren. Stattdessen: Training in der "Vernichtungspolemik", die in den kommenden Kriegen ihre physische Anwendung fand; Übung auch in jener sozialen Exklusion, theoretisch wie praktisch, die in der deutschen Politik eine so nachhaltige Rolle spielt.
An dieser Stelle wurde mir die Vorgeschichte meines "Gefühls für Geschichte" schlagartig erhellt: dieses verzweifelte Gefuchtel in den Einzelheiten, diese obskurante Denkmalskultur, dieses mal trotzig-weinerliche, dann wieder protzige Männertum im nationalen Kleide, das uns Schulkinder allenfalls unangenehm, einschüchternd oder abstoßend, berührte - es hatte eine langen Anlauf, in der Geschichte selbst wie in deren Betrachtung. Das gehört natürlich, wie fast jede Einsicht, in den Bereich der Binse, bis man es selber denkt. Denn kann man es gewissermaßen leiblich denken, als ein Innewerden, einen Abgleich des bisherigen geistigen Inventars mit einer Neuigkeit: dann öffnet sich etwas, dann kann etwas geschehen, was, je nach Stilgefühl, ein Aha-Moment ist oder das Glück der Erkenntnis. Und so betrachte ich die letzten Zeilen des Gedichtes "Folter" von Wislawa Szymborska, das mir so lieb wie rätselhaft ist, nun noch einmal anders. In der wunderbaren Übersetzung von Karl Dedecius:
Geändert hat sich nichts;
nur der Lauf der Flüsse,
die Kontur der Wälder, Gestade, Küsten und Gletscher.
In diesen Landschaften streunt unsere Seele,
verschwindet, kommt wieder, mal näher, mal ferner,
sich selber fremd, unbegreifbar,
mal sicher, mal unsicher ihres Daseins,
während der Körper ist und ist und ist
und nicht weiß wohin.
***
Andreas Wirsching: "Geschichtswissenschaft und Gegenwart. Eine Beziehungsgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute." Droysen-Lecture, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften; 27.5.
Was sich seither entwickelt hat, ist ein Sinnangebot sondergleichen; die deutsche Geschichtswissenschaft nahm eine geradezu festliche Entwicklung. Wir können uns mit einem Sonderweg befassen oder ihn auch bestreiten, wir sind auf dem langen Weg nach Westen oder stehen fest in der Mitte Europas, wir sind eine geläuterte oder wieder verdächtige Nation, anders als alle anderen oder doch universal. Wir sind seit Jahrzehnten damit beschäftigt, uns zu erklären, was nicht zu begreifen ist, denn wer über manche Dinge den Verstand nicht verliert, wie Lessing lange zuvor schon wußte, der hat keinen zu verlieren. Aber, von dieser empfindlichen Stelle namens Shoah abgesehen, kann man, ex-ost wie -west, inzwischen Kleider anprobieren, die unterschiedliche Silhouetten erlauben, sogar Frauen, Queere und Migrantinnen kommen vor; es ist, in diesem enormen historischen Angebot zwischen Geschichtswerkstätten, Straßenumbenennungsdiskussionen und einer lebendigen Publizistik, für fast alle etwas dabei. Wie das eigentlich kam, damit befasste sich der Historiker und ehemalige, langzeitliche Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, Andreas Wirsching, in der diesjährigen Droysen-Lecture. Und ließ in der Ankündigung seines Vortrags auch jene Fragen zu, die das allgemeine Publikum nun einmal quälen wie bereichern, insofern sie sich weder abschließend beantworten noch von der Hand weisen lassen: Können wir von der Geschichte lernen? Und, in diesem Fall noch einmal zugespitzt: lernen Historiker eigentlich selbst voneinander?
Wirsching nahm sich drei Phasen der Geschichtsschreibung vor, beginnend mit dem 19. Jahrhundert und anhaltend in der kürzlichen Vergangenheit, mit einer Würdigung der US-Historikerin Natalie Zemon Davis, die 2023 gestorben ist. Davis, maßgebliche Genderforscherin und berühmt geworden als Autorin bisher ungehörter Stimmen (ihre "wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre" wurde einmal mit Gérard Depardieu, ein zweites Mal mit Richard Gere verfilmt) fungierte in Wirschings Betrachtungen als Galionsfigur für eine optimistisch stimmende Wende, seit der es weniger um allgemeine historische Theorien (zu gleichwelchem Thema) und entsprechend erbitterte Richtungskämpfe ginge als um ein autopoietisches System, das seine Fragen unaufhörlich erneuert und seine Deutungen in einer Art Selbstreflexion friedlich schärft. In dem Kolonialsmusforschung, Geschlechtergeschichte, Nationalgeschichten et cetera im Gespräch miteinander sind und die Forschung sich auch "als Zulieferbetrieb für Identitätskonstruktion" verstehen darf.
In Wirschings Darstellung erschien das als enorme Entlastung von der europäischen Geschichtsschreibung im kurzen 20. Jahrhundert, die, von Krieg und Disruption gezeichnet, Lernen mit- und voneinander systematisch erschwerte. Das sich Abschließen der Zunft, die konsequente Verächtlichmachung Kollegen weiblichen Geschlechts, jüdischer oder nichtbürgerlicher Herkunft, die Verbarrikadierung gegen transnationale Themen - der Vortrag streifte das in eindringlichster Weise. Und formte aus dem Publikum zu mindestens einem Zeitpunkt eine Gruppe, insofern es eine gemeinsame Erfahrung gab: Man betrachtete das Foto des französischen Historikers Pierre Renouvin, auf die Leinwand im Saal projeziert, und war miteinander im Bann eines finsteren Bilderrätsels. Denn die Schulterpartie des Uniformierten, der da frontal in die Kamera blickte, war scharf belichtet und doch unentzifferbar. Es war nicht zu erkennen, ob der etwa Zwanzigjährige zum Zeitpunkt dieses Porträts schon Kriegsinvalide war oder noch beide Arme besaß. Gewiss aber ist, dass er einer jener progressiven Historiker wurde, die eher in Bedingtheiten denn in großen Taten dachten und Mentalitätsforschung im Sinne der Völkerverständigung begründeten.
Das größte Gewicht legte Wirsching indes auf das lange 19. Jahrhundert - als uns genealogisch besonders nahe. Insofern da anfänglich gedacht wurde, wie wir es heute noch tun, in jenen Begriffen, die uns nicht nur vertraut, sondern bis zum Überdruss selbstverständlich sind: Nation, Fortschritt und Weltgeschichte. Drei Historiker aus drei europäischen Ländern porträtierte Wirsching, die anhand der französischen Revolution zu jeweils eigenen Schlüssen kamen, wie Volk und Vaterland, aber auch die Elemente Kampf und Kommunikation zusammenhängen. Der Brite Thomas Macaulay (ein offenbar liebenswürdiger Hochbegabter, der seine Vorschulkameraden mit dem Ansinnnen verstörte, er wolle "Homer spielen", und daraus den Achill) warnte die britische Aristokratie vor eben jenem Hochmut, der für ihre Vorfahren auf dem Kontinent das Schafott zur Folge hatte. 1789 war in Macaulays Augen eine vermeidbare Katastrophe, denn schließlich gab es, siehe das ruhmreiche Britannien, die Möglichkeit, parlamentarisch zu streiten, den Kampf durch Kommunikation zu vermeiden. Ganz gegenteilig sein Pariser Kollege Jules Michelet, prominent und stilbildend wie er, jedoch überzeugt von der Revolution als Ausgangsort der Befreiung. Und hier, so Wirsching, sprechen wir nicht nur von der Befreiung der Armen von ihren feudalen Unterdrückern, nicht nur von der Befreiung des Geistes vom Dunkel der Vorzeit: Nein, es ist die Geschichte der Völker überhaupt, die hier ihren Dreh- und Angelpunkt hat, hin zu einer Zukunft der Menschheit, welche Frankreich zum Modell nehmen soll: Seid dankbar, Nationen, für dieses Anschauungsmaterial - das es natürlich nur durch die Geschichtsschreibung selber gibt. Ohne die Macaulays und Michelets ihrer Zeit würden wir, das nimmt das Publikum in der Jägerstraße, übrigens alters- wie habitusmäßig gemischt, wohl mit Sicherheit aus diesem Vortrag mit, alle vielleicht nicht weniger, aber doch anders denken.
Mit Wirschings Bemerkungen zu Heinrich von Treitschke schließlich komme ich schwerelos wieder in meiner Jugend an. Nicht wegen dessen Antisemitismus, sondern wegen der "borussischen" (= pro-preussischen) Haltung, mit welcher der so prominente wie mächtige Treitschke seiner Zunft, wie Wirsching mit einer gewissen Behaglichkeit ausführt, eine provinzielle deutsche Position in der Geschichtswissenschaft selbständig erschaufelte: vom militaristisch-großmannssüchtigen Preußen aus ließ sich nun einmal "ums Verrecken nicht universalisieren". Hier, in der Nische mitten in Europa, war kein Vorbild für den allgemeinen Fortschritt zu modellieren. Stattdessen: Training in der "Vernichtungspolemik", die in den kommenden Kriegen ihre physische Anwendung fand; Übung auch in jener sozialen Exklusion, theoretisch wie praktisch, die in der deutschen Politik eine so nachhaltige Rolle spielt.
An dieser Stelle wurde mir die Vorgeschichte meines "Gefühls für Geschichte" schlagartig erhellt: dieses verzweifelte Gefuchtel in den Einzelheiten, diese obskurante Denkmalskultur, dieses mal trotzig-weinerliche, dann wieder protzige Männertum im nationalen Kleide, das uns Schulkinder allenfalls unangenehm, einschüchternd oder abstoßend, berührte - es hatte eine langen Anlauf, in der Geschichte selbst wie in deren Betrachtung. Das gehört natürlich, wie fast jede Einsicht, in den Bereich der Binse, bis man es selber denkt. Denn kann man es gewissermaßen leiblich denken, als ein Innewerden, einen Abgleich des bisherigen geistigen Inventars mit einer Neuigkeit: dann öffnet sich etwas, dann kann etwas geschehen, was, je nach Stilgefühl, ein Aha-Moment ist oder das Glück der Erkenntnis. Und so betrachte ich die letzten Zeilen des Gedichtes "Folter" von Wislawa Szymborska, das mir so lieb wie rätselhaft ist, nun noch einmal anders. In der wunderbaren Übersetzung von Karl Dedecius:
Geändert hat sich nichts;
nur der Lauf der Flüsse,
die Kontur der Wälder, Gestade, Küsten und Gletscher.
In diesen Landschaften streunt unsere Seele,
verschwindet, kommt wieder, mal näher, mal ferner,
sich selber fremd, unbegreifbar,
mal sicher, mal unsicher ihres Daseins,
während der Körper ist und ist und ist
und nicht weiß wohin.
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Andreas Wirsching: "Geschichtswissenschaft und Gegenwart. Eine Beziehungsgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute." Droysen-Lecture, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften; 27.5.
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