Das Ausmaß an Gewalt und Todesopfern einerseits und der Enthusiasmus bestimmter Teile der Sowjetgesellschaft während der Industrialisierungskampagne andererseits machen die 1930er Jahre zu einer verwirrenden und von extremen Widersprüchen geprägten Periode. Diese Periode war durch die brutalsten Repressalien während des Stalin-Regimes gekennzeichnet. Am stärksten waren davon landwirtschaftliche Regionen und Bauern betroffen. Hinzu kamen Kriminelle, Geistliche und andere sozial und politisch zunehmend gebrandmarkte Randgruppen, die ursprünglich nicht selten aus dem ländlichen Milieu stammten. Das Buch beleuchtet durch die Analyse des Zusammenwirkens zwischen dem Moskauer Parteizentrum und den Regions- und lokalen Instanzen die Kontrollierbarkeit und die Funktionsfähigkeit der Sowjetgesellschaft. War die Nomenklatura der Gebiets- und Rayonsebene der vertrauenswürdige Vollstrecker der von den zentralen Führungskräften vorgegebenen Linie, der die Anordnungen Moskaus ohne zu zögern und unverzüglich durchführte? Traten die lokalen Führungskräfte als Wahrer der Interessen der lokalen Bevölkerung auf? Die Untersuchung der Machtverhältnisse und der Reaktionen der Basis erlaubt es, ein umfassenderes Gesamtbild des Sowjetsystems der 1930er Jahre im ländlichen Milieu zu gewinnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2006
Rezensent Helmut Altrichter legt ausführlich dar, warum er sich dem Ergebnis der Studie von Youngok Kang-Bohr nicht anschließen kann. Der Autor tendiere zu der Auffassung, dass die stalinistischen "Säuberungen" 1937/38 in der sowjetrussischen Provinz Voronez, in deren Folge 680 000 Menschen erschossen wurden, losgelöst von den Verfolgungen in den städtischen Zentren Leningrad und Moskau zu bewerten seien. Kang-Bohr führe die Ereignisse auf die desolate und korrupte Verfassung der regionalen Parteiapparate und die aufgeheizte Stimmung in der verarmten Bevölkerung zurück. Der Terrorapparat Stalins, der die chaotische Lage in den Provinzen instrumentalisierte, lasse sich jedoch für eine Aufarbeitung der "Säuberungen" in den ländlichen Provinzen nicht ausblenden, findet der Rezensent, der hier durchaus eine Verbindung mit dem zentralen Machtapparat im Kreml sieht.
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