Wilfried Ohms

Abschied vom Spiegelbild

Roman
Cover: Abschied vom Spiegelbild
C.H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406465758
Gebunden, 124 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

"Als Brigitte, die Frau meines älteren Bruders Martin, mich um halb sieben in der Früh anrief, war ich nicht wirklich überrascht. Ich musste mich im Gegenteil auf das Äußerste zusammennehmen, ihr den Grund ihres Anrufs nicht auf den Kopf zuzusagen, noch bevor sie Gelegenheit finden würde, ihn mir mitzuteilen: dass mein Zwillingsbruder Christian sich letzte Nacht in Afrika umgebracht, genauer gesagt aufgehängt hat." Mit diesen Worten beginnt Wilfried Ohms' Erzählung "Abschied vom Spiegelbild". Die Nachricht vom Selbstmord seines Zwillingsbruders trifft den Erzähler wie etwas, worauf er schon lange gewartet hat, und wie ein Film läuft nun die gemeinsame Geschichte der "Spiegelbilder" vor dem Leser ab...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2001

"Auf ernüchternde Weise geheimnislos" findet Pia Reinachers diesen Roman, an dem sie vom ersten Satz an irritiert hat, dass hier ein Autor nicht erzählt, sondern schlicht rekapituliert. Sie beschreibt die bedrückende Atmosphäre, in der ein Zwillingspaar aufwächst: gewalttätige und lieblos erzogene Kinder, deren spätere Schicksale vorgezeichnet scheinen. Eine Abwärtsspirale und schließlich der Selbstmord eines der Zwillinge in Afrika sind vorauszusehen und wenig überraschend, klagt sie und kritisiert auch Ohms' schlichte und die mangelnde Tiefe in der Charakterzeichnung. Naturgemäß sind "elende Kindheiten" Vorlagen für Weltliteratur, lesen wir auch, und sehen eine verzweifelte Rezensentin lauter Vorschläge machen. Erzieherische Fehler der Eltern aufzulisten, reicht bei diesem Stoff nun wahrlich nicht, findet sie.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2001

Die Geschichte ist ein Drama. Der Erzähler erfährt vom Selbstmord des Zwillingsbruders und versucht, den Tod des alter ego mit der linearen Auflistung von bitteren Erinnerungen an eine gemeinsame Kindheit und Jugend zu bewältigen, berichtet Samuel Moser. Ohne Pathos und vor allem ohne die sonst oft benutzten Elemente der Sitcom-Komödien über lustige Verwechslungen verleiht der Autor dem Zwillings-Motiv eine neue Dimension, findet der Rezensent. Die Qualität der Erzählung liege vor allem darin, dass sie emotionslos sei. Die monotone Erzählweise sei bedrückend und lähmend. Anstatt des erleichternden Gefühls einer gelungenen Trauerarbeit stelle sich ein kaltes Brennen ein. Konsequent beschreibe Ohm den Prozess der Selbstzerstörung bis zum Suizid. Dabei habe sich jedoch eine Schwäche eingeschlichen, so Moser. Die Schilderung des Erzählers und Überlebenden sei zu stark vom verlorenen Bruder besetzt, die Trennung zwischen Erzähler und Figur nicht deutlich und differenziert genug gelungen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.01.2001

Alles andere als begeistert ist Heinz Ludwig Arnold von Wilfried Ohms neuem Buch. Sprachlich attestiert er dem Autor eine "Mischung aus falschem Pathos und schlechtem Deutsch", inhaltlich stört ihn die mangelnde Stringenz. Protagonist der Erzählung ist ein Mann, der über den Selbstmord seines Zwillingsbruders und dessen vorangegangenes Leben nachdenkt. Obwohl das Zwillingsmotiv, "das typische parallele oder doppelte Wahrnehmungsphänomen eineiiger Zwillinge" Kernthema der Erzählung ist, verliere Ohm diesen roten Faden immer wieder aus den Augen. Auch schafft es der Autor nach Arnolds Meinung nicht, seine Beschreibungen und Reflexionen auch tatsächlich mit Leben zu füllen. Das "misslingende Leben" des Bruders wird "eben nur mitgeteilt, nicht wirklich dargestellt", so das negative Fazit des Rezensenten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.01.2001

Viele Topoi der österreichischen "Antiheimatliteratur", findet Rezensent Markus Epha, würden hier "anzitiert": Familienhölle, Provinzhölle, die "Österreich- und Existenzhölle". Namen wie Jelinek oder Bernhard hätte der Rezensent gar nicht zu erwähnen brauchen. Die wären uns selber auch eingefallen. Aber auch Epha räumt ein: "das ist nichts Neues, aber streckenweise sehr präzise erzählt". Nur manchmal sind ihm die Bilder "zu sehr geballt". Das Schlimmste dieser Erzählung, von der wir nicht mehr erfahren, als dass sie vor sich hinmurmele und in sich hinein nuschele, sei sowieso schon am Anfang erzählt. Der Rest: Rückschau und triste Stimmung.

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