Volkmar Sigusch

Neosexualitäten

Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion

Klappentext

Volkmar Sigusch analysiert neue und alte Phänomene sexueller Aktivität, von der Love Parade und der Liebe zu Tieren über Viagra und Cybersex bis hin zur Homo-, Trans- oder Zissexualität. Er zeigt, wie sich unser Geschlechts- und Sexualleben in den letzten Jahrzehnten verändert hat: Selbstbewusster, freier und buntscheckiger, wird es zugleich zunehmend kommerzialisiert und banalisiert. Aber es geht Sigusch nicht nur um diese zum Teil ungewöhnlichen Neosexualitäten. Ebenso zentral ist in seinem Buch die Liebe, wie sie im Alltag gelebt und erfahren wird. Und noch etwas bezieht Sigusch in seine Analyse der sexuellen Welten der Gegenwart ein: die sexuellen Perversionen, mit denen die neuen Sexualformen nicht unbedingt deckungsgleich sind und die enger mit der Liebe verbunden sind, als allgemein vermutet wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.06.2005

In seinen 22 Essays zur gewandelten Sexualität macht es sich Volkmar Sigusch, Leiter des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, "zum Glück" nicht leicht, stellt Wilhelm Trapp fest. In seiner Darstellung der"neosexuellen Revolution" präsentiert der Autor allerdings kein "System", sondern vielmehr die "Auflösung" früherer Bestimmungen und betont dabei "vehement die Kompliziertheit des Sexuellen", so Trapp zustimmend. Er konstatiert eingenommen, dass mit dem Eingeständnis der Komplexität die Zusammenhänge "tatsächlich klarer werden" und lobt den Autor, die Widersprüche und Paradoxien der gewandelten Sexualität "handfest" und dabei "ehrlich" in den Blick zu nehmen. Auch die "wohltuende Begriffsklärung" des Wortes "Perversion" findet der Rezensent hilfreich, um sich im "kulturellen Wandel", der sich in der Sexualität manifestiert, zurecht zu finden. Er lobt den Essay-Band nicht zuletzt deshalb als sehr gelungen, weil Sigusch stets den "liebenden und begehrenden Menschen" im Fokus seiner "genauen und erhellenden" Beobachtungen behält.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.06.2005

So richtig sexuell befreit fühlt sich die Rezensentin Ingeborg de Vries nicht nach der Lektüre von Volkmar Siguschs "Neosexualitäten", in dem der Autor die Bilanz seines Lehrens und Denkens zieht und den "kulturellen Wandel von Liebe und Perversionen" beschreibt. Sigusch zufolge, so die Rezensentin, werde Sex heutzutage nicht mehr als verbotener, "großer Rausch" imaginiert, wie noch zu Nachkriegszeiten, sondern stelle gleichsam erobertes Terrain dar. Hier widerspricht die Rezensentin entschieden. Wie gerade am Beispiel der Selbstbefriedigung (die Sigusch kurzerhand für gesellschaftlich akzeptiert erklärt) deutlich werde, entbehren Siguschs Darstellungen von dem, "was moralisch inzwischen gängig ist" einer hieb- und stichfesten empirischen Grundlage, gerade in Bezug auf die "Neuentdecker" der Sexualität, sprich: die Pubertierenden. Auch Siguschs Angriff auf die vermeintliche Zerstörung des Eros durch die Kommerzialisierung der Sexualität findet die Rezensentin insofern kurzsichtig, als er unterschätzt, wie sehr erst eine solche Vermarktung "sozialen Raum" für vermeintliche Perversionen schafft. Insgesamt jedoch diagnostiziert auch die Rezensentin ein sexuelles "Unbehagen" neuer Art, das sich im Verlust der Intimität und in der zwanghaften Suche nach immer neuen Stimulanzien äußert. Dieses Unbehagen gelte es zu erforschen, doch gelinge es dem vorliegenden Werk lediglich, das Thema anzureißen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.05.2005

Der Rezensent Malte Oberschelp ist beeindruckt von der Themenvielfalt, die Volkmar Sigusch, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft an der Universität Frankfurt in seiner Bestandaufnahme zu Sexualität und Kultur bearbeitet - und findet die Aufsatzsammlung, für die Sigusch fünf alte Publikationen überarbeitet hat und 16 neue Texte geschrieben hat, deswegen auch etwas "verwirrend". Das und die hohe Fremdwortdichte sollte potentielle Leser aber trotzdem nicht von der Lektüre abhalten, denn "brillant" ist Siguschs Vortrag allemal - zumal er es sich nur selten im Kulturpessimismus bequem macht. Erfreulich findet Oberschelp auch, wie "wenig dogmatisch sein Denken arbeitet" und wie stilistisch abwechslungsreich die einzelnen Beiträge sind: "vom quasi literarischen Pamphlet bis zum medizinischen Fachjargon" ist alles dabei.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.04.2005

Volkmar Sigusch ist ein Veteran der wissenschaftlichen Erkundung der Sexualität. Die Diagnose seines neuen Buches über die "Neosexualitäten" liest sich auf den ersten Blick erfreulich: Es gab selten zuvor so viel Freiheit für die unterschiedlichsten Spielarten des Sexuellen wie in der Gegenwart. Auf den zweiten Blick jedoch wird daraus ein eher "kulturpessimistischer" Standpunkt, so der mit "lx." zeichnende Rezensent. Die sexuelle Freiheit nämlich sei nichts anderes als die dem Privaten zugewandte Kehrseite einer zunehmenden Einengung ökonomischer Freiheitsräume durch den Siegeszug des Kapitalismus. Und auch die Sexualität selbst wird dadurch letztlich beschädigt, nämlich durch zunehmende "Kommerzialisierung" und "Banalisierung".