Vladimir Sorokin

Der Zuckerkreml

Cover: Der Zuckerkreml
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2010
ISBN 9783462042269
Gebunden, 238 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Russland im Jahr 2028: ein neues Mittelalter, geprägt von Informationstechnologie und Massenarmut. Körperliche Züchtigung ist an der Tagesordnung. In einem gewaltigen Stimmenchor führt Sorokin den Leser durch die dunklen Seitengassen des Lebens in einem utopischen Russland, das er dem heutigen wie einen Zerrspiegel vorhält. In fünfzehn Kurzerzählungen lernen wir Hofnarren, Henker, Zwangsarbeiter, Bettler und Dissidenten kennen - und die anrührende Marfuscha, die wie Tausende anderer Kinder am Weihnachtstag auf dem Roten Platz ein Kremlmodell mit Mauern, Türmen und Toren ganz aus Zucker geschenkt bekommt. Weil alle Brennstoffe ins Ausland verkauft werden, heizen auch wohlsituierte Moskauer mit Holzscheiten, und die Aufzüge der Wohnhäuser stehen am Wochenende still.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.12.2010

Vladimir Sorokins "Der Zuckerkreml" liest sich für Rezensent Tobias Schwarz wie eine "Art dickflüssiges Konzentrat seines Gesamtwerks". So findet er in dem Band, der Kurzgeschichten, Dialogsequenzen, Briefe und Lyrisches versammelt, viele Anspielungen auf andere Werke des Autors, z.B. auf "Der Tag des Opritschniks" (2007), "Der himmelblaue Speck" (2000) oder auch "Die Schlange" (1990). Darüber hinaus bietet Sorokins literarisches Pandämonium von Hofnarren, Henkern, Zwangsarbeitern, Bettlern und Dissidenten zu seiner Freude auch zahlreiche Bezüge zur russischen Literaturgeschichte überhaupt, die "liebevoll-ironisch" eingeflochten würden. Sorokin, so das Resümee des Rezensenten, erweist sich auch in vorliegendem Band als ein "postmoderner Autor, der sein Metier virtuos und kraftvoll beherrscht".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.11.2010

Mittelprächtig ist aus Sicht von Michael Kohtes diese neue "satirisch-finstere" Fantasie über einen russischen Terrorstaat der Zukunft geraten, die für den Geschmack des Kritikers etwas zu wild und virtuos ihr postmodernes Spiel treibt, als dass sie tatsächlich glaubhaft etwas über einen neuen drohenden Totalitarismus erzählen könne. Vladimir Sorokin geleite den Leser ins Jahr 2028, und wie schon in seinem Bestseller "Der Tag des Opritschniks" male Sorokin auch diesmal einen "postkommunistischen Teufel" an die Wand. Sei er damals einem Tag im Leben eines Terrorbeamten gefolgt, koloriere Sorokin in seinem neuen Buch nun die finsteren Ecken des nämlichen Terrorstaats - fünfzehn "Shortcuts" über Handwerker, Kinder, Staatskünstler oder Huren. Dabei mische Sorokin als "Kassandra unter Moskaus Intellektuellen" für diese Antiutopie gnadenlos literarische Stile und Diskurse und plündere Vorbilder wie etwa George Orwell. Trotzdem vermisst der Kritiker ein analytisches Fundament.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2010

Mit dem Erzählungsband "Zuckerkreml" sieht die begeisterte Nicole Henneberg Vladimir Sorokin politisch und literarisch voll auf der Höhe. Der russische Autor, der mühelos durch Stilarten und Genres wandert, wie die Rezensentin betont, entwirft hier ein Russland im Jahr 2028, in dem das Volk mit Zucker und religiösem Rigorismus gefügig gemacht worden ist. Züchtigungen und Hinrichtungen sind an der Tagesordnung und bannen die Menschen mit Angst, aber auch mit Faszination, so die Rezensentin beeindruckt. Für Henneberg ist das jüngste Buch des für seinen letzten Roman von der "ultranationalistischen Kreml-Jugend" wegen Pornografie angezeigten russischen Autors ein beängstigendes, "sarkastisches" und beeindruckendes Gesellschaftsbild. Nicht nur für dieses Buch feiert sie Sorokin als Glücksfall für die Literatur, der immer dann am besten schreibe, wenn er "empört" sei.
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