Valerio Aiolli

Ich und mein Bruder

Roman
Cover: Ich und mein Bruder
Pendo Verlag, Zürich 2001
ISBN 9783858424099
Gebunden, 226 Seiten, 17,38 EUR

Klappentext

Als der Arno 1966 über die Ufer tritt, scheint dies ein Vorbote dafür zu sein, dass die Welt aus den Fugen gerät. Bislang hat sich der kleine Junge vor allem für den ersten Tag im Kindergarten interessiert. Oder für die Baustelle, wo sein Vater ein großes Mietshaus baut. Oder für die Besuche bei den Großeltern und die Ferien am Meer. Doch dann passieren Dinge, die nicht mehr in diese heile Welt passen... Der Junge fängt an Zwiesprache mit seinem toten Bruder zu halten. In ihm findet er einen Verbündeten, um sich in der ihm unverständlichen Erwachsenenwelt zurechtzufinden.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.02.2004

Der Rezensentin Marion Lühe hat Valerio Aiollis Erzählung aus der Perspektive eines Fünfjährigen sehr gefallen, und sie befindet sich da anscheinend in guter Gesellschaft, denn schon Antonio Tabucchi, schreibt sie, habe diesen Erstling als "Sternstunde der neuen italienischen Erzählkunst" gefeiert. Bemerkenswert, mit welcher "ehrfürchtigen" Aufmerksamkeit die fünfjährige Hauptfigur die Zeichen und Geschehnisse um sich herum beobachte. Dazu gehören ebenso die "Insignien einer italienischen Kindheit", die Aiolli bei ihrem Markennamen nenne ("Alfa und NSU-Prinz, die Fernsehmaus Topo Gigio und die Fleischkonserven von Simmenthal, Coca-Cola für die Kleinen und Muratti Ambassador für die Großen"), wie die leisen Verschiebungen und Brüche innerhalb seiner (in die gesellschaftlichen Wandlungen der 68er eingefassten) Familie, die Veränderungen, die das preisgeben, was versucht wird zu kaschieren: die Krise. Denn die Familie, so die Rezensentin, bricht auseinander, ohne "großen Knall", sondern nur mit einem "Knacken". Gerade Aiollis "ebenso karge wie lakonische" Sprache der Beobachtung ist es, die es der Rezensent angetan haben, und die sie zu der Überlegung führen, dass Kinder und Erwachsene "verschiedenen Gattungen angehören".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2002

Ein bemerkenswertes Romandebüt, meint Winfried Wehle, das den Leser teilhaben lässt an einem Medienübergang. Das Buch wirke wie ein geschriebener Film, aber nicht im herkömmlichen Sinn. Der Autor mache sich die Erzählperspektive eines sechsjährigen Kindes zu eigen, das beschreibt und registriert, aber nicht dazu in der Lage ist, das Gesehene zu analysieren, kommentieren oder gar die Zusammenhänge zu durchschauen. Es ist am Leser, behauptet Wehle, dieses perspektivische Doppelspiel zu er- und begreifen. Er bezweifelt jedoch, dass dies allen Lesern gelingen wird. Denn der Roman sei äußerlich betrachtet recht handlungsarm; der Junge beschreibe scheinbar unberührt das Auseinanderfallen der Ehe der Eltern und das Scheitern des geplanten Hausbaus - ein "Kulturschadensbericht von '68", wie Wehle den Roman zeitlich lokalisiert. Je deutlicher der Zusammenbruch um ihn herum sich abzeichne, um sehr mehr ziehe sich der Junge in sich zurück und führe eine Art Selbstgespräch mit seinem als Baby verstorbenen älteren Bruder. Aiolli beschreibt einen "verhängnisvollen Parallelismus", resümiert Wehle, in dem er aufzeigt, dass die Welt der Kinder nur intakt bleibt, wenn die Eltern in der ihren einigermaßen vernünftig agierten.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.08.2001

Italiensehnsucht ade? Rezensent Volker Breidecker befürchtet es fast. Die "seismographische Literatur" Italiens deutet es lange schon an, lässt er uns wissen. Seit Pasolini, Ginzburg und, ja - Dante schon hat deutlich gemacht, dass in seinem Land nicht nur die Zitronen blühen, sondern auch die Maßlosigkeit. Und jetzt? Jetzt gibt es einen wie Aiolli. Breidecker freut's, sieht er in dem bereits 1999 im Original erschienenen Roman doch einen Ich-Erzähler am Werk - "ein kleiner Pirandello, ein großartiger Sprachzweifler, der ... auch die feinsten Nuancen und Sprachgebärden registriert" -, der zwar kein Wort auf dem andern lässt, dem sich am Ende aber nicht weniger als das Mysterium des Todes und des Lebens erschließt. Was hier mit der "am schwierigsten zu bewältigenden Perspektive auf ein Kindesleben" und dennoch mit "verblüffender Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit" gemeistert wird, entpuppt sich für den Rezensenten als Bildungsroman und als Funke für die insgeheim gehegte Hoffnung, dass "auch das Italien der Sehnsüchte noch nicht verloren (ist)."
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