Am Beginn jeder Bibliotheksgeschichte steht die Frage, wie der Mensch handelnd eine Kontrolle über seine Umwelt gewinnt. Die frühen Höhlenbilder können als erster Versuch einer Inventarisierung von Umwelt verstanden werden. Auf diese ersten "Archive" der Menschheit folgen die kosmologischen Bibliotheken des Alten Orients und Ägyptens sowie des Hellenismus, die den Bezug des Menschen zu Göttern und Kosmos herausstellen. Diese Bibliotheken werden im Mittelalter abgelöst von "Bibliotheken des Heils", die sich auf das heilsrelevante menschliche Handeln und die göttliche Gnade konzentrieren. In der Neuzeit treten "Bibliotheken des Nutzens" an ihre Stelle: Die Landesherren setzen nun eigene Einrichtungen an die Stelle kirchlicher Institutionen, die der Mehrung des Nutzens für das jeweilige Land verpflichtet sind. Die überall entstehenden Universitäts- und Hofbibliotheken gehören in diesen Kontext. Erst am Ende des 20. Jahrhunderts entsteht mit den "digitalen Bibliotheken" etwas qualitativ Neues, indem der Aspekt des "Nutzens" unter digitalem Vorzeichen verstärkt wird - seither stehen die Bibliotheken als Institutionen in Frage.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 01.09.2010
Uwe Jochums Bibliotheksgeschichte findet bei Hans-Albrecht Koch großen Zuspruch, und er freut sich nachdrücklich, dass der Konstanzer Bibliothekar sich hier nicht nur an ein Fachpublikum wendet, sondern auch den "interessierten Laien" anspricht. Ansprechend findet der Rezensent Jochums Kapiteleinteilung, die völlig zu Recht, wie der Rezensent betont, bei der Höhlenmalerei einsetzt und bis zur modernen Bibliothek von heute reicht. Koch teilt mit dem Autor übrigens die Vorbehalte gegenüber immer neuen Speicherungs- und Vernetzungsmoden im Bibliothekswesen und stimmt ihm zu, wenn er auf die Verluste hinweist, die damit einhergehen. Ein kleines Manko sieht der Rezensent im, wie er findet, allzu knappen Register, in dem beispielsweise ein Begriff wie "Public Library" fehlt, die er in ihrer amerikanischen Form übrigens auch im Buch nicht ausreichend beachtet sieht. Davon abgesehen aber würdigt er das Buch als wertvollen Beitrag, der "weite bildungsgeschichtliche Horizonte" eröffnet.
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