Im Prozess der künstlerischen Annäherung spielen romantische Denkbilder, wie das des fließenden Raums, eine zentrale Rolle. Das spekulative Denken der Romantik hielt wie keine andere Epoche tragfähige Bilder bereit, die strikte Trennung von Raum und Zeit, wie Philosophie und Kunsttheorie es über weite Strecken forderten, zu überwinden. Das Interesse, sinnlich wahrnehmbare Ausdrucksformen für das Raum-Zeit-Kontinuum zu entwickeln, ist das Ergebnis einer personalen und intellektuellen Konstellation, die sich nicht zuletzt der Nachbarschaft des Weimarer Bauhauses und der Universität Jena verdankte. Von dort gingen die entscheidenden Impulse aus, den Raum als Funktion der Zeit, die Zeit als Funktion des Raumes zu begreifen.
Für Horst Bredekamp stellt Ulrich Müllers Studie zum Verhältnis von Albert Einsteins Relativitätstheorie zur avantgardistischen Architektur Walter Gropius' und Ludwig Mies van der Rohes einen "Paukenschlag" dar. Hatte die Kunsthistorikerin Linda D. Henderson 1983 anhand der französischen Avantgarde nachgewiesen, dass die Künstler weniger von Einstein als von der "Erweiterung euklidischer Räume" von Bernhard Riemann und Henri Poincare angeregt worden waren, tritt Müller an, zumindest für Architekten im Jenaer Raum, die Relativitätstheorie als wichtige Anregung nachzuweisen, erklärt der Rezensent. So weise der Autor "minutiös" nach, wie aus dem individuellen Verständnis der Einsteinschen Theorie der Architekten Gropius und Mies van der Rohe eine "neue Bautheorie" entstand, lobt Bredekamp. Die Grundlagen dieser Bautheorie sind zwar laut Rezensent in der Architekturgeschichte nicht unbekannt. "Neu" dagegen sei die These, dass Paul Klees "Begriff des fließenden Raumes" in den architektonischen Entwürfen eine Präzision erfuhr, erklärt Bredekamp weiter. Die Studie macht deutlich, wie Gropius und Mies van der Rohe sich von der Relativitätstheorie inspirieren ließen, auch wenn es "eher zu verneinen" ist, dass sie ein "tieferes Verständnis" für die Relativitätstheorie entwickelt hätten.
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