Thomas Hettche

Der Fall Arbogast

Kriminalroman
Cover: Der Fall Arbogast
DuMont Verlag, Köln 2001
ISBN 9783770156214
Gebunden, 350 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

Das Schwurgerichtsurteil folgt dem Plädoyer des Oberstaatsanwalts: Lebenslanges Zuchthaus für einen Lustmörder. Und nur Hans Arbogast weiß, was am ersten September 1953 wirklich geschah - am Abend jenes Spätsommertags, als die junge Anhalterin Marie Gurth zu ihm in sein Borgward Coupe stieg. Schuldig oder unschuldig? Der Fall Arbogast ist die Geschichte einer leidenschaftlichen Begegnung und lässt zugleich einen beunruhigenden Kriminalfall wieder lebendig werden: Ein Stück deutscher Justiz- und Nachkriegsgeschichte aus den Jahren 1953 bis 1969, zwischen Schwarzwald und Tessin, Frankfurt und Ostberlin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Einem authentischen Kriminalfall und Justizirrtum spürt Hettches "Fall Arbogast" nach, doch hinter der Fassade dieses romantischen Kriminalromans oder Gerichtskrimis verspürt Maike Albath weit mehr: einen kühn und kühl kalkulierten Roman, in dessen Foucault'sch ausgeloteten Tiefenschichten es um Erotik, Sexualität und Tod geht. Hettche zieht Albath zufolge souverän an allen Erzählsträngen: Zeitebenen, Schauplätze sowie Haupt- und Nebenfiguren werden bewegt und "prallen aufeinander wie Billardkugeln". Die sezierende Sprache der Gerichtsmediziner entfaltet für Albath ihren eigenen poetischen Reiz und bekommt im übrigen, wie sie findet, dem "überhitzten Stoff und den schwülen 50er Jahren" ausgesprochen gut. Raffiniert überführe der Autor die Geschichte in die 70er Jahre, in denen sich der "Fall Arbogast" in veränderter personeller Besetzung beinahe wiederholt: der Kreis schließt sich, so Albath, was mit männlicher Perspektive begann, werde nun aus weiblicher Perspektive zurückgespiegelt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2001

Gleich drei neue deutsche Gesellschafts- und Gegenwartsromane bespricht Dirk Knipphals im Aufmacher der taz-Literaturbeilage vom Herbst 2001: Norbert Niemanns "Schule der Gewalt", Rainer Merkels "Das Jahr der Wunder" und Thomas Hettches "Der Fall Arbogast". Und die Rede "der vorletzten Literaturdebatte" vom Aussterben der Erzähler sieht er mit diesen Büchern widerlegt. Die Herangehensweise dieser realitätsinteressierten Erzähler ist seiner Meinung nach keineswegs eine naive - vielmehr sind sie mit allen theoretischen Wassern gewaschen und bewegen sich auf "einem verdammt hohen selbstreflexiven Niveau". So dient Thomas Hettches Roman "Der Fall Arbogast" dem Rezensenten Dirk Knipphals als Beleg dafür, dass sich auch in traditionell anmutenden Erzählformen "avanciertes Gedankengut unterbringen" lässt. "Merkwürdig", allerdings in der positiven Konnotation des Wortes, nennt der Rezensent das Buch, "eine Mischung aus Krimi und Gesellschaftsroman" mit theoretischem Überbau. Das Setting wirkt nämlich seiner Ansicht nach nur auf den ersten Blick konventionell. Bei näherem Hinsehen fänden sich an vielen Stellen Metakommentare von Hettches dem "seine Spuren verwischenden, aber überall anwesenden Autor". Nur das Thema Tod und Lust wird nach Knipphals' Meinung an manchen Stellen bis an "einen fragwürdigen Punkt gedehnt" - so lautet einer seiner wenigen Kritikpunkte an diesem Roman.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001

Spannend ist diese Rekonstruktion eines authentischen Kriminalfalls der Nachkriegszeit, so Angelika Overath in ihrer Besprechung von Hettches Kriminalroman, aber da, wo sich der Autor aufschwinge, Literatur aus diesem um sexuelle Obsessionen kreisenden Stoff zu machen, gehe das Unternehmen schlicht schief. Da wäre weniger mehr gewesen. Zwar könnten Haare durchaus Erotik symbolisieren, aber dass sich die Personen im Roman ununterbrochen kämmen oder Haare aus dem Gesicht streichen, findet Overath einfach albern. Die Geschichte um einen fälschlicherweise des Lustmords bezichtigten Mannes sei gut recherchiert, auch die Figuren seien in ihrem jeweiligen Milieu gut verortet, d.h. die zeitspezifischen Ingredienzien stimmen. Was dem Roman fehlt, so Overath, sind zum Beispiel gute Dialoge - manches wirke wie aus einem schlechten "Tatort". Als habe der Autor viel Arbeit in die Recherche und zuwenig Liebe in die literarische Aufarbeitung gesteckt. Oder zuviel schlechte "Tatorte" gesehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.10.2001

Thomas Hettches historischer, die deutschen fünfziger Jahre ausleuchtender Kriminalroman um den vermeintlichen Lustmörder Arbogast hat dem Rezensenten Axel Rühle ganz offenkundig keinen Spaß gemacht. Er ist sich vorgekommen wie im Germanistik-Seminar oder auch wie in staubigen Museumsgängen - wie in einem guten literarischen Text, wie es scheint, jedoch kaum einmal. Das mit dem Seminar liegt an den Obsessionen Hettches, die Rühle auch im scheinbar ganz konventionell narrativen Text aufgespürt hat: Foucault etwa, das Zuchthaus, in dem Arbogast einsitzt, als Panoptikum. Rühle, der gleich anfangs von einer unfreiwilligen "Expressionismuspersiflage" spricht, hat es selbst auch mit den Metaphern. Hettches Versuche, literarisch zu schreiben, verfahren, so Rühle, nach der Teeaufgussmethode: Die Worte werden "durchs silberne Aufgusssieb in hauchdünnes Porzellan" gefüllt. Oder: "Wie ein Oldtimerfreund putzt und wienert er seine Sätze" - das funkelt dann zwar, wie Rühle einräumt, nur gefallen tut es ihm nicht. Die "Diktion" findet er "steif", die Dialoge "papiern", wie gesagt, das Buch hat ihm keine Freude gemacht.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001

Helmut Böttiger zeigt sich angetan von Thomas Hettches Kriminalroman, vor allem, weil der Autor eine wesentliche Schwäche seiner früheren Texte überwunden habe. Die waren nach Ansicht der Rezensenten zu theoriefixiert. Obwohl auch in diesem Buch ein theoretischer Unterbau präsent sei - Foucault spiele eine wichtige Rolle - tue das dem Lesevergnügen keinen Abbruch: Die "postpsychoanalytischen Diskurse ... sind vollständig in literarische Formen aufgelöst". Die Geschichte von einem westdeutschen Justizskandal in den 1960-er Jahren, in dem ein Unfall zu einem Sexualmord gemacht wurde und der ausgerechnet von einem DDR-Gutachter offengelegt wurde, gibt laut Böttiger eine Menge her: "Hettche hat einen hypermodernen Schauerroman geschrieben, und er hat alles aufgewandt, was die Ratio dafür heute noch hergibt."