Thomas Brasch

"Du mußt gegen den Wind laufen"

Gesammelte Prosa
Cover: "Du mußt gegen den Wind laufen"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518431948
Gebunden, 877 Seiten, 42,00 EUR

Klappentext

Die Sammlung gliedert sich in veröffentlichte Prosa und Prosa aus dem Nachlass von Thomas Brasch. Es folgen Faksimiles einiger Manuskriptseiten, eine editorische Nachbemerkung und ausführliche Anmerkungen mit bibliografischen Angaben und Notizen zu Fassungen, Entstehungsgeschichte und Vernetztheit der Texte untereinander sowie eine Biografie. Der Band vereinigt Thomas Braschs gedruckte und ungedruckte fiktionale und essayistische Prosa (Erzählungen, Reden, Kritiken, Kommentare, Stellungnahmen) von 1956 bis 2000 - mit Ausnahme des Romankonvoluts "Mädchenmörder Brunke". Von der ersten Veröffentlichung in der Lausitzer Rundschau (1956, da war Brasch elf), dem Märchen "Fuchs, Adler und Nilpferd", über den Erzählungsband "Vor den Vätern sterben die Söhne" - der im Hinstorff Verlag nur mit drastischen Eingriffen hätte erscheinen können und daher Auslöser für den "Landwechsel" Braschs von Ost- nach Westberlin wurde - bis hin zu späten Widmungstexten (etwa zum Tod Heiner Müllers) spannt sich der Bogen über vierzig Jahre. "Der wehleidige Blick in die Vergangenheit ist kein Ersatz für die Verweigerung der Zukunft", heißt es in Neben Mord strahlen Reime (1979).

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.02.2025

Rezensent Markus Schwering wird wehmütig zumute angesichts dieses verdienstvollen Bandes mit gesammelter Prosa, der im Suhrkamp-Verlag anlässlich von Thomas Braschs 80. Geburtstag erschienen ist. In dem von Martina Hanf, vergangenes Jahr verstorbene Betreuerin des im Archiv der Berliner Akademie der Künste liegenden Nachlasses, besorgten Band entdeckt der Kritiker, wie gut der 2001 verstorbene Schriftsteller bereits im Alter von fünfzehn Jahren schrieb: In dessen "zehn Geboten" erkennt Schwering bereits den Hang zum "Exzess" sowie die Neigung, stets "ein Fremdling überall" zu bleiben. Der Rezensent, der das Leben Schriftstellers, der sowohl in DDR als auch in BRD Außenseiter blieb, anhand von dessen Essays rekapituliert, verfällt einmal mehr der "wilden, anarchischen, romantischen Sehnsucht" Braschs, erkennt aber auch, wie ungebrochen der Autor an seinen "basalen marxistischen Überzeugungen" festhielt. Nicht zuletzt bemerkt der Rezensent wiederkehrende Muster in den "fiebrig explosiven" Erzählungen, die sich weder auf ein Genre noch sonstige "Schablonen" festlegen lassen wollen. Über ein Namensregister im Anhang hätte sich Schwering allerdings schon gefreut.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 28.01.2025

Großartig, was diese Edition der Prosa-Schriften Thomas Braschs leistet, findet Rezensent Cornelius Wüllenkemper. Zusammengestellt hat sie die unlängst verstorbene Brasch-Expertin Martina Hanf, der wir zu verdanken haben, dass wir nun Braschs Werdegang vom Sprößling einer DDR-Musterfamilie zum dissidenten Literaten nachvollziehen können. Schon in den 1960ern Jahren kristallisieren sich die typischen Brasch-Themen heraus, wie etwa das Verhältnis des Individuums zum Kollektiv oder das der Menschen zu Maschinen. Früh formt sich auch der Brasch-Stil, fährt Wüllenkemper fort, bald entstehen Texte, die ob ihres Spottes über die DDR dort nicht mehr erscheinen können und nun in Erstveröffentlichung vorliegen. Wüllenkemper geht auf Braschs weiteren Lebensweg mitsamt seiner Haftstrafe und auch auf seine Freundschaft mit Rudi Dutschke ein, die nun vorliegende Veröffentlichung zeigt, findet er, wie eng an seinem persönlichen Leben Braschs keineswegs der Theorie verpflichtetes Schreiben stets war. Nicht die DDR, der Staat an sich ist Braschs Feind, legt Wüllenkemper dar. Folglich war ihm nach seiner Ausreise in die BRD 1976 zwar kurzfristig Erfolg beschieden, aber Lust darauf, sich als Vorzeige-Dissident vereinnahmen zu lassen, hatte er auch wieder nicht, erläutert Wüllenkemper und beschäftigt sich abschließend mit den eher spärlichen Texten der letzten Werkphase. Stets Widerstand leisten, egal in welchem Deutschland: darum ging es Brasch, schließt Wüllenkemper.

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