Szczepan Twardoch

Drach

Roman
Cover: Drach
Rowohlt Verlag, Reinbek 2016
ISBN 9783871348228
Gebunden, 416 Seiten, 22,95 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Die Erde weiß alles. Mit kühlem Blick, der die Zeiten durchdringt, sieht sie alles, was auf ihr geschieht. Sie kennt das Kind Josef Magnor, das im Oktober 1906 den Geschmack der Wurstsuppe schmeckt und nie mehr vergisst. Josef, der im Dreck der Schützengräben von Frankreich landet und später im Bett der jungen Caroline. Dem diese Erde jahrelang ein Versteck im schlesischen Stollen bietet, nachdem er aus Eifersucht eine Tragödie angerichtet hat. Die Erde kennt Nikodem, Josefs Urenkel. Nikodem, der zu seiner Geliebten zieht, aber von seiner Frau und Tochter nicht loskommt, auch nicht von dem schönen Haus, das er sich, gefragter Architekt des neuen Polen, gebaut hat - alles entgleitet ihm, auch die Geliebte. Was wird er retten können? Die Erde kennt das Ende, sie bleibt grausam kalt. Szczepan Twardoch lässt die Erde selbst erzählen - den Drachen, der den Menschen ausspeit und ihn wieder verschlingt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.08.2016

Das Besondere an Twardochs Buch sei dessen Erzählperspektive, schreibt Kritiker Jan Koneffke. Während im Vorgängerroman "Morphin" die körperlose Erzählinstanz eher gestört habe, lebe "Drach" ganz von ihr. Das Element Erde (nicht der Planet) berichte hier vom Schicksal einer schlesisch-deutschen Familie in den vergangenen einhundert Jahren. Als Gegenentwurf zu Thomas Manns "Geist der Erzählung" versteht Koneffke die Perspektive Twardochs, er nennt sie "ernst-sarkastisch" und "stofflich-sinnlich". Der Kunstgriff des Autors eröffne Möglichkeiten und Haltungen, dazu zähle auch die Betrachtung von Staatsgrenzen als willkürliche Erfindung durch den Menschen. Ein wenig Monotonie entsteht nach Ansicht des Rezensenten trotzdem durch die "fast schon formelhafte Weise", mit der die Erde erzählt. Olaf Kühls Übersetzung lobt Koneffke wiederum als klug, sie trage bei "zur Farbigkeit einer sonst klaren bis kargen Sprache".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.07.2016

Hymnisch bespricht Rezensent Helmut Böttiger Szczepan Twardochs Roman "Drach", der von vier Generationen einer schlesischen Familie erzählt. Wie Twardoch zwischen den Jahrzehnten zwischen Erstem Weltkrieg und Gegenwart mäandert, Ereignisse spiegelt, faszinierende Assoziationen freilegt und das als "Wasserpolnisch" bezeichnete Deutsch-Polnisch der Schlesier wiedergibt, lässt für den Kritiker nur einen Schluss zu: Hier spielt jemand auf einer "teuflischen Klaviatur". Auch die Schilderung einzelner Szenen ringt dem Rezensenten höchste Anerkennung ab: Schlachtszenen erscheinen fesselnd und "derb", Liebesgeschichten humorvoll, lustvoll und wunderbar naiv. Wie Twardoch die "Erde" hier als allwissende Erzählerstimme auftreten lässt, ist für Böttiger schlicht eine "ästhetische Meisterleistung".
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2016

Rezensentin Katharina Teutsch hat nur einen Einwand gegen Szczepan Twardochs fantastischen Roman. Die Erde, bei Twardoch Protagonistin, neigt zu sehr zum "Gründeln". Dabei ist sie bevölkert mit einem faszinierenden Personal, findet Teutsch. Twardoch erschafft ein Epos aus der Perspektive der Erde, meint sie, erzählt von den Schicksalen Schlesiens, von Kriegstoten und Liebesgeschichten, vom Mittelalter und der Zeit des Turbokapitalismus in einer Weise, die mitunter zwar raunend erscheint, aber die Vielschichtigkeit der Geschichte zu einem Tableau verdichtet und die Widersprüche nationaler Identitäten einfängt. Meisterlich findet Teutsch die Montage im Text, das Vor- und Zurückspringen der erzählenden Instanz durch die Zeit, ferner den Rhythmus und den hinter allem stehenden Rechercheaufwand, den der Autor für Teutsch zweifellos betrieben hat. Mit seinen auf reale Vorbilder verweisenden Geschichten und Figuren scheint Teutsch der Band als so etwas wie eine Antwort auf Maria Janions These vom "west-östlichen Bewusstsein" der Polen.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 21.05.2016

Für den Rezensenten Paul Jandl ist "Drach" ein erzählerisches Meisterwerk, geschrieben vom "Berserker" der jungen polnischen Literatur Szczepan Twardoch. Dessen so gar nicht idyllischer Roman umspannt sechs Jahrhunderte, und der Autor springt dabei häufig zwischen Zeiten, Schauplätzen und Figuren hin und her, beschreibt seine Szenen dabei höchst präzise und zoomt nahe heran ans oft grausame Geschehen, so Jandl. Immer wieder triumphiere hier Gewalt über die Liebe, wobei die Erde als Icherzählerin alles mit Gleichmut über sich ergehen lasse. Der Rezensent ist berauscht, für ihn ist das Werk ein "Fronttagebuch des Menschlichen à la Céline".
Mehr Bücher aus dem Themengebiet