Stephan Wackwitz

Ein unsichtbares Land

Familienroman
Cover: Ein unsichtbares Land
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783100910554
Gebunden, 288 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Stephan Wackwitz' Vater bekommt Post von einem seltsamen Amt, das ihm die Kamera seines Vaters schickt, in der sich ein belichteter, aber noch nicht entwickelter Film befindet. Die Kamera war von den Engländern konfisziert worden, die das deutsche Schiff, auf dem der Großvater Ende der 30er Jahre nach Deutschland zurück reisen wollte, vor Afrika aufgebracht hatten. Er selbst geriet in Gefangenschaft, was ihm den Krieg erspart hat. Jahre später hat dieser Großvater einen Lebensbericht für seine Enkel geschrieben, der in Schlesien beginnt und in der Bundesrepublik endet. Die Frage für den Nachkommen ist: Was kann ein Nachkomme aus dieser Vergangenheit für das eigene Leben lernen? Was erfährt er von sich, in dieser Vor-Geschichte seiner Familie? Was sieht er auf den Fotos in der Kamera, die vielleicht die lange vergangene Zeit in sich verbirgt?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.08.2003

Dieses Buch ist "ein faszinierender autobiografischer Essay", aber auch ein Roman, lobt Manfred Koch. Es entstand, wie der Leser vom Rezensenten erfährt, nachdem Wackwitz in den neunziger Jahren begann, die autobiografischen Aufzeichnungen seines Großvaters Andreas Wackwitz zu studieren. Dabei entdeckte der Autor, wie stark Person und Zeit seines Großvaters auch noch seine Biografie und Zeitumstände prägten, berichtet Koch, und so entstand, ausgehend von langen Passagen, die Wackwitz aus den "Kladden" seines Großvaters zitiert und kommentiert, so etwas wie ein "Deutschlandessay", der unter anderem einen Bogen von Friedrich Schleiermacher zu Rudi Dutschke. Vermittelt aber wird dies alles, wie man von Koch erfährt, über die Familiengeschichte und mit dieser verbundene Orte wie das oberschlesische Anhalt etwa, in dem sein Großvater von 1921-1933 Pastor war, in dem aber auch Friedrich Schleiermacher aufwuchs, und das außerdem nur fünf Kilometer von Auschwitz entfernt liegt. So werde der Ort bei Wackwitz zu einem topografischen Symbol, dem "bekannteren von Weimar und Buchenwald vergleichbar". Aber Andreas Wackwitz war ab 1940 eben auch noch Superintendent im brandenburgischen Luckenwalde, in dem Rudi Dutschke aufgewachsen ist. Und so schlägt Wackwitz "suggestiv" auch noch den Bogen von der "Luckenwalder Pfarrhausidylle" und der "Mentalität des völkischen Aufbruchs" zum "besessenen Sprechen" des charismatischen Predigers der studentischen Erhebung. Hier wie da, gibt Koch Wackwitz' Gedanken wieder, habe ein jahrhundertealter protestantischer Radikalismus fortgewirkt, in dessen Geist dazu erzogen wurde, "Abtrünnige in prophetischen 'Flammenreden' der Hölle zu überantworten."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.04.2003

Mit Stephan Wackwitz' Prosaessay sieht die rückhaltlos überzeugte Ursula März das Genre des Familienromans zu neuem Leben erweckt. Wackwitz erzählt darin nicht "brav, geschichtströstlich" seine Familiengeschichte nach, wie März betont, sondern erforscht sie. Assoziative Sprunghaftigkeit, Überlagerung historischer Zeitebenen, Exkurse und Montagen treten an die Stelle von Chronologie und epischer Vollständigkeit und geben Wackwitz alle formale Freiheit, die Fäden individueller und kollektiver Geschichte zu verknüpfen, erklärt März. Besonders beeindruckt hat die Rezensentin dabei, wie Wackwitz auf diesem Pfad der klassischen Moderne direkt zum Kerngedanken des Familienromans gelangt - der Unentrinnbarkeit von Abstammung und Verwandtschaft.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.04.2003

Marta Kijowska hat diesen Roman, der die Familiengeschichte des Autors in der parallelen Betrachtung seines Großvaters, seines Vaters und seiner selbst erzählt, mit Interesse gelesen. Dabei verstehe Stephan Wackwitz die Bezeichnung "Familienroman" nicht nur literarisch, sondern auch psychoanalytisch, indem er sich auf einen Aufsatz von Freud bezieht, informiert die Rezensentin. Weit entfernt von "nostalgischer Verträumtheit" suche der Autor nach "intellektueller Auseinandersetzung" mit der Vergangenheit seines deutschnational eingestellten Großvaters, seines als Missionar in Südafrika lebenden Vaters und seiner eigenen Jugend in den 68ern, beobachtet Kijowska. Mit Urteilen hält sich die Rezensentin völlig zurück, doch scheint durch ihre einfühlsame Besprechung des Romans, den sie auch als eine "Reise in die eigene Vergangenheit" des Autors gelesen hat, viel Sympathie hindurch.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.03.2003

Dirk Knipphals ist begeistert! In der Auseinandersetzung mit den Aufzeichnungen seines Großvaters findet Stephan Wackwitz sich selbst, stellt er fest, und liest "Ein unsichtbares Land" demnach nicht nur als autobiografischen Familienroman, sondern auch als "Entwicklungsroman eines deutschen Intellektuellen". Das Buch durchzieht eine nüchterne Melancholie, gepaart mit manchmal spöttischen Untertönen, beschreibt der Rezensent die Atmosphäre. Wo die Erinnerungen des Großvaters lückenhaft sind, hat Wackwitz laut Knipphals behutsame Verknüpfungen geschaffen. Auch das Motiv des Unheimlichen, das den Roman wie ein roter Faden durchziehe, hat den Rezensenten fasziniert und trägt seiner Meinung nach entscheidend zum "Sog des Erzählens" bei. Alles in allem ein lehrreiches Stück Zeitgeschichte, dass durch seine literarische Bearbeitung zum Lesegenuss wird, resümiert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003

Ein "glänzendes Buch", jauchzt Oliver Fink, eine "autobiografische Leistung von höchstem Rang". Stephan Wackwitz erkundet in seinem Familienroman literarisch das Leben seines Großvaters und folgt ihm auf den verschlungenen und verworrenen Pfaden seiner Geschichte, erzählt unser Rezensent. Er entdecke sowohl, dass das Pfarrhaus des Pastors unmittelbar neben Auschwitz lag, als auch, dass zur Gemeinde des Großvaters später ein gewisser Rudi Dutschke gehörte. Wackwitz "vergleicht, deutet, versucht zu verstehen", seinen Großvater, seine eigene Generation und das Deutschsein an sich. Der Autor, der sich bisher vor allem als Essayist hervorgetan hat, offenbart in seinem Doku-Roman ein "enormes poetisches Potenzial", urteilt die Rezensentin, angefangen bei der "perfekten" Auftaktpointe bis hin zur endgültigen Ich-Findung in den Achtzigern.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.03.2003

Lothar Müller bemerkt am Erzähler-Ich des Romans einen "Sebald-Ton", der seinerseits an Johann Peter Hebels Kalendergeschichten geschult war. "Bis in den Satzbau hinein" erkennt der Rezensent die enge Anlehnung an den 2001 verstorbenen Autor W. G. Sebald, und hier fürchtet er auch ein bisschen um die Eigenständigkeit des Ich-Erzählers. "Zum Glück" ist dies dann aber doch nicht der Fall, so Müller erleichtert. Er macht auf den interessanten Gegensatz zwischen dem Großvater des Erzählers - Kapp-Putschist, Deutschnationaler und Auswanderer - und dem Autor und Ich-Erzähler, in den Siebzigern Anhänger der Studentenbewegung, aufmerksam. In jener Zeit wäre dies auch sicherlich ein Buch der "Abrechnung" geworden, überlegt Müller. So aber sei es ein faszinierender, in die "Geschichte verknoteter Familienroman" geworden, der sowohl den Großvater als auch den Vater des Autors zu Wort kommen lasse. Dem Rezensenten haben die Passagen am besten gefallen, in denen das Verhältnis des Enkels zu seinem Großvater in die "Geschichte des politischen Enthusiasmus" der Bundesrepublik eingebettet ist. Was ihn allerdings ziemlich stört , sind die Versuche, den Roman "weltliterarisch zu nobilitieren". Die Zitate von Conrad und Freud findet er dann auch ziemlich überflüssig. Der Roman hätte ihn auch ohne derart "snobistische Ornamente" in "seinen Bann gezogen".
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