Stephan Krass

Tropen im Tau - Permutationen

Anagrammgedichte
Cover: Tropen im Tau - Permutationen
Elfenbein Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783932245527
Gebunden, 144 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Ein Anagramm sucht man nicht, man findet es. Es ist immer schon da. Es bezeichnet ein poetisches Verfahren, bei dem der Buchstabencorpus eines Wortes oder einer Zeile zur Bildung eines neuen Wortes oder einer neuen Zeile verwendet wird, ohne dass ein Buchstabe hinzugefügt oder weggelassen werden darf. Indem es den Text beim Wort nimmt, deckt das Anagramm einen Kosmos verschiedener Lesarten auf.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2002

Die Form über den Inhalt zu stellen ist ein Sakrileg, schreibt Rezensent Jochen Hörisch, und diesem Sakrileg gibt sich Stephan Krass in seinen Anagrammgedichten "so offensiv wie lust- und geistvoll" hin. Schon der Titel enthält das regierende Prinzip des Bandes, so der begeisterte Rezensent, denn in "Tropen im Tau" verbirgt sich "Permutation". In Krass' "virtuosen Versen" erfülle sich "der Sinn des griechischen Wortes Poesie", das auf dem Verb 'poiein' (machen) beruht. Dieses Herstellen könne zwar kein Erschaffen von Grund auf sein, da das Buchstaben-Material schon existiere, doch mit dieser Einsicht geht Krass zur großen Freude des Rezensenten "gelassen bis euphorisch" um: "Der Lettern-Stoff, aus dem die literarischen Träume sind, führt ein Eigenleben, mit dem sich der Anagrammdichter gerade dadurch zu arrangieren weiß, dass er es gewähren lässt." Doch nun wird auch Hörisch leicht anagrammatisch: Das Anagramm "vermeidet witzig jeden Tiefsinn - und entdeckt in der Oberfläche die Tiefen-Grammatik des Tiefsinns". Das erinnert den Rezensenten an den "Anagrammliebhaber" Walter Benjamin, dessen Denken um das "Theologumenon" kreist, "dass die Elemente der erlösten Welt alle mitsamt schon in dieser Welt vorhanden sind". "Chaos / Ach so", heißt es gelassen bei Krass.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2002

Der Anagrammatiker, sagt Rezensent Karl-Heinz Ott über Stephan Krass, hat nichts mit bedeutungsschwangeren Lesarten von Dichtung im Sinn, im Gegenteil, er treibt ein "poetisches Spiel von Selbstreferenz und Ironie", zitiert Ott den Autor. Für ihn gibt Krass jedoch weit mehr als einem bloßen Spieltrieb nach, der ihn die an sich bedeutungslose Sprache durcheinanderwirbeln lässt und ein hübsches Chaos oder Wortgestöber produziert. Krass eröffnet auch in der Gesamtheit seiner Sätze Sinnhorizonte, lobt Ott, immer wieder lassen seine "Buchstabenumorganisierungslust" einen versteckten Sinn aufblitzen. Ott verweist auf das Japanische und Chinesische, wo das Gemäldeartige der Schriftzeichen eine Bedeutung für sich besitze, während unsere Buchstaben für sich sinnlos seien und nur im Zusammenhang sprich Zusammenspiel Sinn ergäben. Nach Ott befindet sich Krass auf der Höhe der Zeit, kennt seinen Habermas und Luhmann, beruft sich auf Rimbaud und Schwitters, und auch aus dem musikalischen Bereich führt Ott bedeutende Komponisten - von Bach bis Boulez - zur Unterstützung an, die sich einen Spaß daraus gemacht haben, Tonfolgen von hinten zu lesen - so wie Krass dem literarischen Palindrom als weiterer Spielart des Anagramms kunstvoll fröne.
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