Unsere Gesellschaft ist in sich zerrissen. Allmacht und Ohnmacht wechseln sich ab: Social Media macht aus jedem von uns einen potenziellen Revolutionär, der ganze Regierungen stürzen kann. Euro- und Finanzkrise aber rollen über uns hinweg und lassen uns auf Zwergengröße schrumpfen. Wir drehen auf, aber wir kommen nicht vom Fleck. Das Ergebnis ist eine erschöpfte Gesellschaft. Stephan Grünewald ist Experte für die Seelenlage der Deutschen. Er analysiert unser Befinden mit erstaunlichen psychologischen Methoden, unterstützt durch den Fundus seiner einzigartigen Daten. Sein Befund ist eindeutig: Wir müssen lernen, neu zu träumen. Nur dann können wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und echte Fortschritte erzielen. Denn in seinen besten Zeiten war Deutschland stets das Land der Träumer und Querdenker.
Stephan Grünewalds Blick auf die "erschöpfte Gesellschaft" scheint Rezensentin Gisa Funck nicht brandneu, aber dennoch aufschlussreich zu sein. Über Optimierungsdruck, Burnout, Selbstüberforderung, Beschleunigung im Arbeitsleben und in der verbleibenden freien Zeit hat sie auch anderswo schon interessante Dinge gelesen. Und die Empfehlungen des Autors, mehr zu träumen, vor sich hinzudösen, einen freien Sonntag zu genießen, hält sie für etwas "altbacken". Wesentlich fesselnder findet sie Grünewalds auf 7000 Tiefeninterviews von Berufstätigen basierenden Analysen. Der Autor erweist sich für sie hier als präzise beobachtender und "süffisant" kommentierender Gesellschaftspsychologe.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 05.03.2013
Aus dieser Kritik purzeln die Worthülsen der Ratgeber nur so heraus: Wir müssen wieder träumen lernen, wir müssen uns aus unserem ewigen Hamsterrad befreien, ohne Träumen herrscht Dauerstress, wir müssen uns vom Glauben an Google, Apple und Facebook lösen und morgens wieder die gute alte Zeitung lesen - und so weiter. Aber Joachim Frank findet das gut. Grünewalds Arbeit, so betont er, beruht auf sehr vielen tiefenpsychologisch basierten Interviews, aus denen ihm immer wieder die eine Botschaft entgegenzuschallen scheint: Entspannt euch, träumt wieder. Wie soll man damit nicht einverstanden sein?
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