Stefan Chwin

Die Gouvernante

Roman
Cover: Die Gouvernante
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783871344084
Gebunden, 317 Seiten, 21,47 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Warschau um 1900. Esther Simmel, eine junge Frau aus Danzig, kommt ins Haus der wohlhabenden Familie Celinski, um den 12-jährigen Andrzej zu unterrichten. Durch "Fräulein Esther" bekommt der Alltag in der Ulica Nowogrodzka neuen Glanz. Die Welt reicht jetzt nicht nur bis Odessa, sondern bis Paris und Wien. Andrzej entwickelt eine heftige Leidenschaft für seine Gouvernante, und auch sein Bruder Aleksander verliebt sich in sie. Da befällt Esther eine unheimliche Krankheit, die ihr Wesen völlig verändert. Selbst die medizinischen Größen aus Petersburg können ihr nicht helfen. Von einer Ahnung ergriffen, fängt Aleksander Briefe aus Zürich ab und entdeckt, dass Esther mit Friedrich Nietzsche befreundet war. Nach ihrer plötzlichen Genesung verschwindet die junge Frau. Nur ein paar Fotos bleiben zurück - Bilder, die während des Warschauer Aufstands wieder auftauchen und Andrzej das Leben retten. Stefan Chwin nimmt sie als Bruchstücke einer Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert umspannt und in Estherhof endet, einer kleinen Bahnstation im Süden Danzigs.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Rolf Vollmann vergleicht in einer Doppelkritik die Romane von Chwin und Simenon. Allerdings ist diese Gegenüberstellung nur dem Zufall einer fast zeitgleichen Lektüre geschuldet.
1) Stefan Chwin: `Die Gouvernante` (Rowohlt Berlin)
Der Rezensent ist hingerissen von der bilderreichen Sprache des polnischen Autors. Wiederholt weist er auf besonders gelungene Stellen dieser `kleinen, sehr schönen Erzählung` hin, die in Warschau vor der letzten Jahrhundertwende spielt. Obwohl er nachweisen kann, dass Chwin sich mit einem sprachlichen Bild bei Gide bedient und für seinen Geschmack etwas zu viel Nietzsche zitiert wird, ist der Rezensent überwältigt von der nuancenreichen Zeichnung der Figuren und dem `Reichtum seiner Sprache`, die eine versunkene Welt zum Leben erwecken.
2) Georges Simenon: `Der Zug` (Diogenes)
In diesem nun wieder aufgelegten Buch von 1961 seien es nicht opulente Figurenzeichnungen, sondern im Gegenteil die fast an `Klischees` grenzende Kargheit der eingesetzten Mittel, die die Protagonisten durch `unendliche Variationen` lebendig werden ließen. In der Beschreibung der Zugfahrt einer Familie, die aus einem französischen Dorf vor den einmarschierenden Deutschen fliehe, wehe den Leser der `Atem eines wahren Lebens` an, so der Rezensent begeistert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Nicht so richtig stimmig findet Gregor Ziolkowski Stefan Chwins neuen Roman "Die Gouvernante". Er bemängelt, dass der Autor, obwohl er definitiv erzählerisches Talent habe und Stimmungen und kleine Szenen gut beschreiben könne, in diesem Fall kein stimmiges Gesamtbild schaffe und schließt daraus, dass Chwin "mit der Konstruktion eines übergroßen Epochenromans allzu schnell an seine Grenzen gelangt ist". Chwin stilisiert hier nach des Rezensenten Meinung ein historisches Ambiente, das nach einem "behäbig-menschlichen, sinnlichen Kapitalismus" riecht und so zu nostalgischen Verklärungen neigt. Außerdem missfällt ihm das Schlusskapitel, in dem die Biografien der Figuren weitergeführt werden, weil es "angepappt" wirkt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Hermann Wallmann stellt uns den neusten Roman von Stefan Chwin als ungemein reiches und vielschichtiges Buch vor. "Die Gouvernante", im Originaltitel "Esther" und damit im deutsch-polnischen Grenzland bereits auf seine politische Dimension verweisend, stellt Wallmann als eine eine impressionistische Ich-Erzählung aus dem Polen nach der Jahrhundertwende vor. Der recht komplizierte Konstruktion gelinge es, die Teilungen und Vertreibungen dieses Jahrhunderts widerspiegele. Am Einzelfall, hier am Zusammenleben einer großbürgerlichen Warschauer Familie und einer deutschen Gouvernante in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts belegt Chwin, dass Konflikte wie zum Beispiel der Antisemitismus bereits sehr früh vorhanden waren. Mit der Gouvernante, so Wallmann, gelingt dem Autor "das Portrait einer charismatischen Frau, in der sich dieses Jahrhundert facettenreich `bricht`". Er betrachtet den Roman als einen Versuch, die Erinnerung an die Zeit vor der Vertreibung wachzuhalten. Er bezeichnet ihn als "herzzerreißendes Buch" und lobt abschließend ausdrücklich die Übersetzung von Renate Schmidgall.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000

Wie unglücklich der Titel im Deutschen ist, darüber regt sich Martin Ebel redlich auf: das Altjüngferliche, das darin liegt, wird dem Zauber Esthers, um die es geht, am wenigstens gerecht. Aber geht es überhaupt um Esther? Oder nicht viel mehr darum, `ein Buch über nichts zu schreiben`? Behutsam blättert sich Martin Ebel durch die `Erinnerung` an Esther aus dem Jahre 1900, die nur ein Jahr lang bei der Familie des Protagonisten war, und in die sich alle verliebten, `auch die Dinge`. Und er findet am Ende, dass der Autor keine Erinnerung geschrieben hat, um etwas festzuhalten, sondern eine `magische, geradezu animistische Beschwörung des Dahingeschwundenen`. Denn auch die, die sich an Esther erinnern, die ein Photo von ihr bei sich tragen - einem rettet es im Krieg in Warschau das Leben - auch von ihnen sind viele schon tot, die ganze Epoche hat sich aufgelöst. Stefan Chwin ist ein `intellektueller und literarischer Drahtseilakt` gelungen, dem zumindest Ebel `mit zunehmender Begeisterung` zugesehen hat.
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