Saskia Hennig von Lange
Heim
Roman

Jung und Jung Verlag, Salzburg 2024
ISBN 9783990274033
Gebunden, 256 Seiten, 23,00 EUR
ISBN 9783990274033
Gebunden, 256 Seiten, 23,00 EUR
Klappentext
Die Geschichte von Tilda und Willem beginnt auf offenem Meer, Mitte der 1930er Jahre. Während Tilda eine Vergnügungsreise macht, ist Willems Mission eine mörderische: Als Mitglied der "Legion Condor" ist er mit dem Schiff unterwegs nach Spanien, wo der Krieg gegen alles, was anders ist, geprobt wird. Anders ist auch Hannah, die gemeinsame Tochter, geboren als der Krieg längst vorbei ist: Wild und unbeherrschbar, lässt sie sich durch nichts zwingen, weder durch Strenge noch durch die unbeholfenen Versuche ihrer Eltern, sie zu lieben. Willem verkriecht sich im Keller des Hauses, um ungestört Jazz zu hören, nachdem er tagsüber als Chemiker daran arbeitet, künstliche Fruchtaromen herzustellen. In den Augen von Tilda ist der schneidige Held von einst eine lächerliche Figur geworden. Und Hannah eine Verrückte …"Heim" erzählt vom Ungesagten, vom Unaussprechlichen, vom langen Nachwirken der Vergangenheit und davon, wie sehr wir selbst Teil davon sind.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2024
Rezensentin Rose-Maria Gropp lobt diesen "intensiven" Roman, der sich zwischen Weltkriegstraumata und dem Elend der Nachkriegsjahre positioniert und zugleich den Sprachlosen eine Stimme verleihen will. Die Autorin Saskia Hennig von Lange erzählt aus der Perspektive eines unbeliebten Mädchens, das an einer geistigen Behinderung leidet - man weiß nicht genau, welcher Art. So steht sie zwischen der Welt und ihren Eltern, noch nicht erwacht aus den traumatischen Erfahrungen von Faschismus und Krieg und nun zutiefst erschüttert und sprachlos. Die große Kunst des Romans liegt für Gropp darin, dass sich Hennig von Lange mit dem Mädchen verschalten will, ihre vermeintliche Absurdität zur globalen Normalität macht, und diese Suche nach der Wahrhaftigkeit ihrer Wahrnehmung gefällt Gropp sehr. Eigentlich geht es ihr darum, über das Mädchen das paradoxe Schicksal der Nachkriegsgeborenen zu verhandeln, die zugleich Teil der Gewaltgeschichte des Faschismus sind und doch außerhalb dieser Geschichte stehen. Gropp jedenfalls hält diesen Versuch für gelungen.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 26.09.2024
Rezensent Christoph Schröder schätzt sie sehr, die Romane von Saskia Hennig von Lange, der beste aber liegt nun vor, meint er. Gebannt liest er die Geschichte um Tilda und Willem, die sich in den 1930er Jahren auf einem Kreuzfahrtschiff kennenlernen, als Willem nach Spanien geschickt wurde, um Franco im spanischen Bürgerkrieg mit Luftangriffen zu unterstützen. Die eigentliche Geschichte dreht sich aber um die nach Kriegsende geborene Tochter Hannah, ein autistisches Kind, dessen Sprache und systematisches Denken die Autorin so "literarisch wahrhaftig" wiedergibt, dass der Rezensent nur staunen kann: "Still und stetig will ich werden, leis und lieblich, flink und fein, um mit Mut ein Mensch zu werden, und mit Maß ein Mensch zu sein", zitiert er. Überhaupt gelinge es Hennig von Lange einmal mehr, psychologisch präzise Innenwelten zu durchleuchten - und sie mit dem historischen Kontext zu verbinden, etwa wenn Willem und Tilda beschließen, ihr Kind in ein Heim zu schicken, wohlwissend, dass Hannah nur wenig Jahre zuvor den Euthanasieprogrammen der Nazis zum Opfer gefallen wäre. Auf das letzte Kapitel, das den Bezug zur Gegenwart herstellt, hätte Schröder zwar verzichten können. Dennoch empfiehlt er nachdrücklich diesen Roman, der brillant "Unheimliches und Aufklärerisches" vereine.
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