Sandro Botticelli als Erzähler

Der Bilderzyklus zur
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2000
ISBN 9783775709217
                         , 390 Seiten, 65,45 EUR

Klappentext

Katalog zur Ausstellung "Sandro Botticelli - Der Bilderzyklus zu Dantes Göttlicher Komödie" in Berlin, Matthäikirchplatz 6, Kupferstichkabinett, 15. April bis 18. Juni, Di-Fr. 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr.
Herausgegeben von Heinrich Theodor Schulze Altcappenberg. Mit Beiträgen von Carmen C. Bambach, Horst Bredekamp, Damian Dombrowski u.a., ca. 230 Abb., davon ca. 160 farbig.

Im Perlentaucher: Rezension Perlentaucher

Ostern vor siebenhundert Jahren begann der Florentiner Dante Alighieri mit der Arbeit an seiner später so benannten "Göttlichen Komödie". Vergangenen Samstag wurde im Berliner Kupferstichkabinett eine Ausstellung mit den Skizzen von Sandro Botticelli zu Dantes Gedicht eröffnet. Auf sie werde ich nicht eingehen. Nur einige meinen Dilettantismus verratende Bemerkungen seien mir gestattet. Neben Dantes Texten wirken Botticellis Skizzen höfisch, harmlos. Beim Schlendern durch die Ausstellung fällt einem George Bernhard Shaw ein, der davon sprach, dass im Himmel die bessere Luft sein mag, aber in der Hölle ganz sicher die bessere Gesellschaft. Langweiligeres als Botticellis Paradies-Illustrationen ist selten konzipiert worden. Zwei Personen mal so mal so von Flämmchen umgeben. Der Betrachter sehnt sich spätestens nach dem dritten Blatt zurück in die Hölle. Ekstatische Verse lassen sich offenbar schlecht elegant bebildern. Beim Wiederbetrachten der Inferno-Skizzen, vor allem aber bei der Lektüre der Texte, die sie illustrieren sollten, drängt sich dem Betrachter des 20. Jahrhunderts - er wird es nicht mehr schaffen, wirklich zu einem des 21. Jahrhunderts zu werden - ein Gedanke auf: die Unterscheidung von Freund und Feind...
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Rezensionsnotiz zu , 26.04.2000

Ostern vor siebenhundert Jahren begann der Florentiner Dante Alighieri (1265-1321) mit der Arbeit an seiner später so benannten "Göttlichen Komödie". Vergangenen Samstag wurde im Berliner Kupferstichkabinett eine Ausstellung mit den Skizzen von Sandro Botticelli zu Dantes Gedicht eröffnet. Auf sie werde ich nicht eingehen. Nur einige meinen Dilettantismus verratende Bemerkungen seien mir gestattet. Neben Dantes Texten wirken Botticellis Skizzen höfisch, harmlos. Beim Schlendern durch die Ausstellung fällt einem George Bernhard Shaw ein, der davon sprach, dass im Himmel die bessere Luft sein mag, aber in der Hölle ganz sicher die bessere Gesellschaft. Langweiligeres als Botticellis Paradies-Illustrationen ist selten konzipiert worden. Zwei Personen mal so mal so von Flämmchen umgeben. Der Betrachter sehnt sich spätestens nach dem dritten Blatt zurück in die Hölle. Ekstatische Verse lassen sich offenbar schlecht elegant bebildern.
Beim Wiederbetrachten der Inferno-Skizzen, vor allem aber bei der Lektüre der Texte, die sie illustrieren sollten, drängt sich dem Betrachter des 20. Jahrhunderts - er wird es nicht mehr schaffen, wirklich zu einem des 21. Jahrhunderts zu werden - ein Gedanke auf: die Unterscheidung von Freund und Feind. Zehn Jahre arbeitete Dante an den vierzehntausend Versen des Gedichts. Zehn Jahre, in denen er sein immenses Talent, seine Begeisterungsfähigkeit, seinen Verstand und seine Empfindlichkeit ganz in den Dienst einer einzigen Leidenschaft stellte: Richter zu spielen. Der Florentiner hatte sich gegen die Versuche des Papstes gewandt, sich in florentinische Politik einzumischen. Er war gescheitert, war ein zum Tode verurteilter Emigrant, der zunächst Kaiser Heinrich dem VII folgte, nach dessen Tod nach Lucca und endlich nach Ravenna zog, wo er starb.
Im Leben war er der Verfolgte, in seiner Phantasie aber holte er mächtig auf. Da fühlte er sich berufen zu richten die Lebendigen und die Toten. Die Göttliche Komödie ist nichts anderes als Dantes Jüngstes Gericht. Der Dichter als Weltenrichter. Ein Machttraum. Ein Machtrausch. Keine Folter, die er seinen Gegnern ersparte, kein Spiess, den er nicht wollüstig hineinstiesse in das Fleisch seiner Feinde, kein Scheiterhaufen, auf den er nicht geworfen hätte, wer ihm in die Quere kam. Dante war kein Freund von Allgemeinheiten. Er malte die Qualen die Hölle mit der Freude am Detail aus, die seit jeher eine bestimmte Art der Frömmigkeit auszeichnete und wohl immer auszeichnen wird, und er gab den Übeltätern nicht nur die Namen ihrer Taten: Dieb, Verräter, Mörder. Er nannte sie auch mit ihren bürgerlichen Namen: Vanni Fucci, Agnello Brunelleschi, Guido de Montefeltre.
Er schickte sogar Menschen in seine Hölle, die noch lebten. Zum Beispiel den Genueser Adligen Branca Doria. Der, läßt sich der Dichter erklären und erklärt so uns, sei in Wirklichkeit schon tot und verdammt, auf der Erde treibe nur noch seine leere Hülle ihr Unwesen. Dantes Urteilswut verschonte nichts und niemanden. Was so gerne als des Autors Universalismus gesehen wird, war nichts anderes als der verzweifelte Versuch eines Fliehenden, sich klar zu werden über seine Verfolger und zu erkennen, wo er Schutz finden konnte. Zuhause und in der Fremde, in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Wer ist mein Feind? Wer ist mein Freund? Wenn das die spezifisch politische Unterscheidung ist, dann hat nie ein politischerer Autor gelebt als Dante. Aber Dante analysierte nicht, er delirierte. Dante lebte einen Wahn. Nicht nur den furor poeticus, sondern auch die Raserei dessen, der glaubt, die ganze Welt im Griff haben zu müssen, um vor ihr sicher zu sein. Dante tat das in zierlichen Terzinen, die in Italien jahrhundertelang als die schönste überhaupt mögliche Poesie galten. Die Kunst schlägt auch - vielleicht aber weniger auch als gerade - aus dem Schrecklichsten noch ästhetischen Mehrwert. Man hat es ihr von jeher vorgeworfen und sie doch immer gerade auch darum geliebt.