Ruth Lewin Sime

Lise Meitner

Ein Leben für die Physik
Cover: Lise Meitner
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783458170662
Gebunden, 550 Seiten, 34,77 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Doris Gerstner. Geboren 1878 in Wien, darf Lise Meitner als Frau zunächst weder Abitur machen noch studieren, doch 1901 kann sie sich als eine der ersten Studentinnen Österreichs für das Physikstudium einschreiben. Bis 1933 hat sie sich einen internationalen Ruf als Physikerin ersten Ranges geschaffen. Unter der Naziherrschaft jedoch verliert sie als Jüdin ihre Lehrbefugnis und darf nicht mehr publizieren. 1938 flieht nach Stockholm, wo sie aber ihre Versuche mangels Geld, Apparaten und Mitarbeitern kaum weiterführen kann. Trotzdem gelingt ihr im selben Jahr jene epochale Entdeckung, für die ihr allerdings der Ruhm versagt blieb. Acht Jahre später, 1946, erhält Otto Hahn, der in Berlin geblieben war, allein den Nobelpreis für die Entdeckung der Kernspaltung, während sie, die das Rätsel gelöst hat, unbeachtet bleibt. Ruth Lewin Sime hat die Briefe und persönlichen Dokumente Lise Meitners sowie bislang unveröffentlichtes Material aus verschiedenen Archiven gesichtet und das Porträt einer Frau und Wissenschaftlerin entworfen, deren Schicksal mit den politischen Ereignissen des Jahrhunderts eng verknüpft ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.08.2001

Der Rezensent mit dem Kürzel "upj." ist von der Biografie der Professorin für Chemie an der California State University in Sacramento, Ruth Lewin Sime, über die Physikerin Lise Meitner sehr angetan. Über Jahre habe sich die Chemikerin wissenschaftlich sattelfest mit dem frühen Erfolg und den jähen Brüchen im Leben der Berliner Physikerin, die 1938 wegen ihrer jüdischen Abstammung aus Deutschland fliehen musste und 1968 knapp 90-jährig in den USA starb, beschäftigt. Lise Meitner, die mit Otto Hahn zusammen auf dem Gebiet der Radioaktivität forschte, gelang 1938 in Stockholm der erste Nachweis über die Kernspaltung. Acht Jahre später bekam Otto Hahn dafür den Nobelpreis, erzählt "upj.", der allein schon Simes Kapitel über die politischen Deliberationen des Nobelkomitees für einen "Wissenschaftskrimi erster Güte" hält.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2001

Ernst Peter Fischer ist ein Kenner und Fan Lise Meitners und umso mehr musste er sich über die deutsche Übersetzung ihrer 1996 im amerikanischen Original erschienenen Biografie ärgern. Prägnant beschreibt der Rezensent zunächst die wichtigsten Lebensstationen Lise Meitners bis zum Weihnachtstag 1938 im Exil in Schweden, an dem sie - nun einsam und ohne ihre geliebte Arbeit im Labor - mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch, Physiker in Kopenhagen, über die Kernspaltung nachdenkt. Das berührende und große Bild, welches der Rezensent zeichnet, ist das einer zarten, kleinen Frau, die das Wesen der Kernspaltung auf einem Winterspaziergang theoretisch ergründet. Aber da, wo für Fischer das Reizvolle am Leben der Meitner anfängt, das Tragische und der Reichtum ihres Lebens aufzudecken wäre, kommt die Autorin gar nicht hin und bietet allein eine "Faktenparade", gerade genug für den, der noch gar nichts wisse über diese großartige Frau. Neben Fakten zum Wissenschaftsalltag kommen scheinbare Wesentlichkeiten, die der Rezensent aber schon woanders lesen konnte und die dabei vor allem gar nichts aussagen über die vielen Wie?, Warum? und Was genau?. Die Biografin findet nichts über Beweggründe, Anschauungen und Positionen der Meitner heraus, nichts über ihre Wirkung auf Kollegen und Studenten und auch nichts Tiefergehendes zur Privatperson, so der Rezensent. Was Fischer der Autorin aber überhaupt nicht verzeihen kann, ist die oberflächliche Behandlung der Nobelpreisfrage, vor allem, weil die Dokumente der Nobelstiftung nun offen liegen. "Niemand erklärte die Kernspaltung so raffiniert wie sie", schreibt der Rezensent und bedauert sehr, dass die Biografie es weder vermag, die Voraussetzungen für diese Leistung zu klären noch Lise Meitner endlich aus dem Schatten des Vergessens zu holen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.04.2001

Elisabeth Bauschmid findet es eigentlich unnötig, heute noch eine Apologie wie das vorliegende Buch zu Lise Meitner zu schreiben. Denn anders als zu ihren Lebzeiten bestehe heute kein Zweifel mehr an der Bedeutung der Physikerin. Darüber hinaus bedauert die Rezensentin, dass man über Lise Meitner als Mensch in dieser Biografie nur wenig erfährt. Zwar hat Bauschmid Verständnis dafür, dass man Meitner nicht auf die "Psychiater-Couch" zerren wollte - doch ein wenig mehr über die Privatperson Meitner hätte sie denn doch gerne erfahren. Doch dies ist, so die Rezensentin, nicht die Absicht der Autorin gewesen, auch wenn "Tagebücher, Kalender, Notizen, Briefe" für die Recherche herangezogen wurden. Dies findet Bauschmid bedauerlich, denn so entsteht ihrer Ansicht nach der Eindruck, als habe Meitner "nur als Arbeitstier" existiert. Dementsprechend muss der Leser, wie sie anmerkt, sich auch ausgiebig auf Themen wie "Quanten und Wellen, auf Massendefekte, Tunneleffekte" und einiges mehr einlassen. Zuletzt kritisiert Bauschmid die ausgiebige Anklage der Autorin an die Adresse Hahns. Zwar bestreitet die Rezensentin keineswegs, dass Hahn die gemeinsamen Forschungsergebnisse lediglich unter seinem eigenen Namen präsentiert hat. Doch so heftig wie die Autorin hätte sich selbst Meitner nicht darüber beklagt, vermutet Bauschmid.
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