Ralf Rothmann

Milch und Kohle

Roman
Cover: Milch und Kohle
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518411261
gebunden, 211 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

"Die Lohntüte lag noch auf dem Tisch. Meine Mutter hatte die Arme um die Taille meines Vaters geschlungen, den Kopf an seine Schulter gelegt. Sonnenschein. " Sonnenschein? Nein, "Milch und Kohle" erzählt von einer anderen Welt Ende der sechziger Jahre. Der Vater, ein Hauer unter Tage: "Nur eine Stunde müßtet ihr mal da runter. Gestern bis zum Bauch im Wasser. Nie ein Stück Himmel." Doch pflichtbewußt fährt er zur Zeche ? und trauert dem Leben als Melker in Norddeutschland nach, das er seiner Frau zuliebe aufgegeben hat. "Und warum?" fragt der fünfzehnjährige Simon seine Mutter. "Was ist besser hier, im Ruhrpott?" Die Antwort: "Hier ist Stadt: Asphaltierte Straßen, ein Fernseher, jeden Samstag Tanz bei `Maus`." Eines Tages bringt der Vater ein paar Kumpel mit nach Hause, die dem Arbeitsalltag so etwas wie Glanz geben mit ausgelassenen Festen. Die Mutter verliebt sich in Gino, den Italiener. Vor dem drohenden Unheil flieht Simon, indem er mit seinem Freund Pavel die Gegend auf der Zündapp durchstreift, pubertäre Abenteuer sucht. Bei seinem jüngeren Bruder Thomas, genannt Traska, verursacht die Sache mit der Mutter dagegen eine schreckliche, ja haarsträubende Reaktion...

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.04.2000

"Eine Wohltat" ist dieses Buch, meint Franz Haas, das auf "dichte, eindrucksvolle Weise" eine Kapitel Jugendgeschichte erzählt, weil da mal jemand beweist, "daß es ein Leben gibt jenseits von Joop und Armani". So ein Leben gab es im Ruhrgebiet, wo diese Familiengeschichte zweier Brüder und zweier Freunde Ende der 60er Jahre angesiedelt ist. Rothmann "schaut genau hin", rühmt Haas, oder vielmehr schaut er zurück, nicht verklärt, nicht hassgeladen, "ein Adept des poetischen Minimalismus", dem es bei aller sprachlichen Lakonie dennoch gelingt, jedes Detail sinnlich einzufangen und beim Namen zu nennen. Rothmann treffe "den Jargon einer Epoche und einer Gegend" ohne falsche Romantik.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.03.2000

Heribert Hoven findet, dass sich Rothmanns Schreibweise am besten mit einemSatz beschreiben lässt, der in diesem Buch vom Autor selbst formuliert wurde: `Die wirklich Trauernden erkennt man an ihrem Humor`. Rothmann hat in diesem Buch mit großer Beobachtungsgabe seine Figuren gezeichnet, ohne jedoch den Fehler zu machen, in eine reine "Kumpel-Romantik" zu verfallen, so der Rezensent. Als Beispiel dafür führt Hoven eine Szene an, in der die in Scheidung lebende Mutter als Freiwild gedemütigt wird und wie ein "verletztes Mädchen, beleidigt und trotzig zugleich" erscheint. Eine weitere Stärke des Buches ist, wie Hoven meint, nicht nur die Beschreibung der Pubertät des jungen Simon, sondern auch die gleichzeitig stattfindende Pubertät einer Republik. Rothmann vermittle in seinen Dialogen bereits die sich ankündigende Aufbrechung des "sozialen Gefüges der Nachkriegszeit".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.03.2000

Als ein Dokument über die alte Bundesrepublik hat Gustav Mechlenburg diesen Roman gelesen. Eingehend schildert der Rezensent die deprimierenden Verhältnisse in einer verkommenden Industrielandschaft des Ruhrgebiets - eine Welt aus Ratenzahlungen, Staublungen und gehäkelten Klorollenbezügen. Rothmann sei schon öfter auf diese Zeit zurückgekommen, meint Mechlenburg, etwas an seiner Jugend im Ruhrgebiet müsse ihn traumatisiert haben. Der Rezensent schätzt den "nüchternen Blick" des Romanciers.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.03.2000

Die Rahmenhandlung findet sie überfrachtet, den Epilog gar überflüssig, und doch ist Alexandra M. Kedves hellauf begeistert von diesem Roman Ralf Rothmanns, der, statt über Markennamen zu philosophieren, den Ruhrpott von unten und von früher beschreibe. Eine Familiengeschichte aus den 60ern, im Rückblick erzählt aus Sicht der Söhne. Mit "gelegentlichen Schönheitsfehlern im Handkanten-Jargon und der Kohlepoesie" findet Kedves, doch das tut ihrer Liebe zu Autor, Buch und Gegend keinen Abbruch. Was sie an ihm so besonders liebt, verschweigt sie uns.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.03.2000

Als "überaus gelassenen Erzähler" und "Meister des realistischen Details" bezeichnet Tom Peuckert den Schriftsteller Ralf Rothmann,, von dessen Roman er dementsprechend angetan war. Die Sinnlichkeit dieses Buches klinge schon im Titel an. Und mit Peukert gerät man dann tief in eine proletarische Kindheit in den "Kohlelandschaften des Westens". Hört vom "zwanghaft Geordneten" dieser Welt und der "dramatischen Sprengwirkung" der Gastarbeiter auf die deutsche Gesellschaft. Irgendwie denkt man beim Lesen der Kritik dauernd an alte Fassbinder-Filme, der ja mit der Mythologisierung bundesdeutscher Geschichte mal begonnen hat.