Rainer Forst

Toleranz im Konflikt

Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen Begriffs
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518292822
Taschenbuch, 808 Seiten, 19,50 EUR

Klappentext

Der Begriff der Toleranz spielt in pluralistischen Gesellschaften eine zentrale Rolle, denn er bezeichnet eine Haltung, die den Widerstreit von Überzeugungen und Praktiken bestehen lässt und zugleich entschärft, indem sie Gründe für ein Miteinander im Konflikt, in weiterhin bestehendem Dissens, aufzeigt. Ein kritischer Blick auf die Geschichte des Begriffs macht jedoch deutlich, daß dieser nach wie vor in seinem Gehalt und seiner Bewertung zutiefst umstritten ist und somit selbst im Konflikt steht: Für die einen ist Toleranz ein Ausdruck gegenseitigen Respekts trotz tiefgreifender Unterschiede, für die anderen eine herablassende, potentiell repressive Einstellung und Praxis. Um diese Konfliktlage zu analysieren, rekonstruiert Rainer Forst in seiner Untersuchung den philosophischen und den politischen Diskurs der Toleranz seit der Antike; er zeigt die Vielfalt der Begründungen und der Praktiken der Toleranz von den Kirchenvätern bis in die Gegenwart auf und entwickelt eine historisch informierte, systematische Theorie, die an aktuellen Toleranzkonflikten erprobt wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.02.2004

Mit großem Interesse hat Otto Kallscheuer diese philosophische Habilitationsschrift von Rainer Forst gelesen, die nach Worten des Rezensenten nicht weniger versucht, als eine Geschichte und Universaltheorie der Toleranz schreiben. Kallscheuers umreißt das Problem mit der Toleranz damit, dass das, was toleriert wird, stets etwas Negatives ist. Für eine rechtgläubige, aufgeklärte Elite ist dabei die "herablassende Duldung" weniger schwierig als für eine demokratische Nation, die Toleranz aus Respekt, also gleichberechtigte Anerkennung erfordert. Besonders interessant findet der Rezensent den ersten Teil dieses Buches, in dem der Autor eine Ideengeschichte der westlichen Toleranz darlegt und dabei mehr als fünfundzwanzig verschiedenen Begründungen folgt. Etwas langweilig erscheint ihm dann der zweite Teil der Studie, der einer "moralphilosophischen Begründung der Toleranzpflicht als integralen Bestandteil jeder modernen Demokratietheorie" verschrieben ist. Hier hätte es Kallscheuer interessanter gefunden, wenn Forst bei dem französischen Frühaufklärer Pierre Bayle geblieben wäre, als mit John Rawls und Jürgen Habermas zu argumentieren. Allerdings pflichtet der Rezensent dem Autor darin bei, dass die Toleranzpflicht auch das Kopftuch an alteuropäischen Schulen umfasst.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.01.2004

Diese geistes- und begriffsgeschichtliche Studie des Toleranzdiskurses hat Ulrich Kronauer gut gefallen. Er lobt den Autor Rainer Forst, mit seiner Untersuchung des Begriffs Toleranz von der Antike bis zur Gegenwart ein "solides" Werk vorgelegt zu haben. Der Autor biete im ersten Teil die geschichtliche Entwicklung und Wandlung des Toleranzbegriffs, in einem zweiten, kürzeren Abschnitt entwerfe Forst eine "Theorie der Toleranz" und skizziere die Vorstellung von einer "toleranten Person", wie sie beispielsweise Kant beschreibt, fasst der Rezensent zusammen. Dabei wird, wie Kronauer betont, deutlich, dass einige "zentrale Motive" der Toleranzdebatte, die der Bibel entnommen sind, sich bis in die Neuzeit hinein verfolgen lassen. Andererseits, so der Rezensent interessiert, dokumentiert der Autor, dass bereits Pierre Bayles im 17. Jahrhundert die "kühne These" aufgestellt hat, dass auch Atheisten moralische Wesen sind, sie demnach ebenfalls ein Anrecht auf Toleranz haben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.01.2004

"Geschickt" setzt Rainer Forst seine belesene Sachkenntnis für sein "voluminöses" Buch über die Toleranz, meint Detlef Horster. Der Autor, den der Rezensent zu der "jüngsten Generation" der Frankfurter Schule zählt, geht von einer genauen Trennung der Bereiche der Moral und der Ethik aus: "Warum ist es gut für mich, x zu tun?" sei eine ethische Frage, "Warum ist man kategorisch verpflichtet, x zu tun?" eine moralische, illustriert Horster den Autor zitierend. Der Autor bezieht sich dabei sowohl auf das Anerkennungsparadigma des Philosophen Axel Honneth als auch auf die moralischen Kognitivsten, erklärt der Rezensent, dem auch gefallen hat, dass der Autor über die philosophieinterne Argumentation hinaus versucht, aktuelle moralische Konflikte wie den Streit um das Kopftuch philosophisch-politisch zu erhellen, berichtet der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.11.2003

Thomas Meyer zeigt sich von dem voluminösen Werk des Frankfurter Philosophen Rainer Forst beeindruckt: Eine "große Erzählung der 'Dynamik von Macht und Moral'" erwarte den Leser hier - zudem eine bislang ungeschriebene Geschichte, fristete die Toleranz im "Zeitalter der Extreme" doch ein Schattendasein als "Schlafmittel". Problematisch findet Meyer nur, dass der Autor einen "Höhepunkt des neuzeitlichen Toleranzdiskurses" ausgemacht haben will, und zwar in Pierre Bayles (1647-1706) Denken. Davon abgesehen, dass die Konstruktion eines "Höhepunktes" der Geschichte eine - dann wieder ideologisch verdächtige - "Verfallsgeschichte" voraussetzt, wendet der Rezensent vor allem ein, dass auch die Diskurse der herausragenden Toleranzphilosophen, Bayle und Nikolaus Cusanus, "dauernden Transformationen und Umschreibungen" unterliegen. Gerade die Geschichte des Toleranz-Begriffs zeigt keine Kontinuität, merkt Meyer an. Da die Entwicklung des Toleranzgedankens auch eine "facettenreiche Geschichte unserer selbst" darstelle, orientiert gleichermaßen an den Bedürfnissen von "theoretischer und praktischer Vernunft", führe Forst auch aktuelle Fragen in die Darstellung ein, etwa die Debatten um Kruzifix und Schleier in Klassenzimmern. Dabei lege er einen besonderen Akzent darauf, dass die Beteiligten in einer Demokratie stets doppelt in die Konflikte eingehen: sie sind "Bürger als Gesetzgeber" und "Rechtspersonen als Empfänger dieser Gesetze". Insofern erfolge die Einübung von Toleranz auch im wohlverstandenen Eigeninteresse. Der Rezensent schließt: "Eindringlicher hat schon lange niemand mehr historische Verantwortung mit philosophischer Analyse zu verknüpfen gewusst."
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