Aus dem Französischen von Max Looser. Auch von kirchenoffizieller Seite wird inzwischen nicht mehr in Frage gestellt, dass der christliche Antijudaismus und Antisemitismus die mentalen und atmosphärischen Voraussetzungen mitprägte, die in der Mitte unseres Jahrhunderts zur Vernichtung der europäischen Juden führten. Die Entstehung einer endemischen antisemitischen Kultur mit ihren Paroxysmen des Hasses, der Verfolgung und Vernichtung ist ohne den Beitrag des Christentums nicht denkbar. Im Gegensatz zum Judentum, das nur einen nicht darstellbaren Gott kennt, ist das Christentum, so die zentrale These der Autoren, seinem Wesen nach narzisstisch, weil es in Christus eine Gestalt verehrt, die sowohl göttlich als auch menschlich ist. In solcher Doppelgestalt verbindet sich beides: Reinheit und Destruktivität, Gut und Böse, Engel und Teufel, Geist und Materie, Ewigkeit und Zeitlichkeit. Die Doppelheit der Christusgestalt erklärt auch die mögliche Koexistenz von antisemitischen und philosemitischen Einstellungen bei ein und demselben Individuum - die eine ist die Kehrseite der anderen.
Der Rezensent Martin Altmeyer, selbst Psychologe und Autor ein Buches über Narzissmus, führt in einem sehr aufschlussreichen Artikel in das zum Widerspruch herausfordernde Denken des Pariser Psychoanalytikers Bela Grunberger ein, den er als "großen Außenseiter der strukturalistischen Pariser Intellektuellenszene" bezeichnet, ein Gegenspieler Lacans. Ende der 60er Jahre hatte Grunberger mit seiner Frau Chasseguet-Smirgel, so Altmeyer, ein ebenso streitbares Buch über die 68er-Generation veröffentlicht, deren Protesthaltung er als seelisch unreif und in den Wurzeln antisemitisch bezeichnete. Auch in seiner neuen Studie führt Grunberger einen ähnlich großen Zirkelschluss vor, meint Altmeyer: das Christentum als zur "Liebesreligion verwandelter Narzissmus", der sich der ödipalen Triebreifung hin zur Anerkennung des Vaters, des Gesetzes, der Religion und damit der Realität kindhaft widersetze. Vor allem der bei Grunberger "monadenhafte" Züge annehmende Narzissmus stellt für Altmeyer eine streitbare Behauptung dar; dennoch sieht er in Grunbergers provozierenden Thesen eine höchst anregende Lektüre.
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