Peter Stamm

Auf ganz dünnem Eis

Erzählungen
Cover: Auf ganz dünnem Eis
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103971279
Gebunden, 192 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Peter Stamms Figuren suchen nach einem Neuanfang, müssen Kompromisse aushalten, stellen sich den Krisen der Gegenwart: Nach einem Unfall in der Heimat unterrichtet ein Schweizer Skilehrer in einer westdeutschen Skihalle. Eine Schauspielerin verliert sich in ihren Figuren. Und Schnee und Eis bedecken eine verlassene Stadt. Peter Stamm zeigt in "Auf ganz dünnem Eis", wie kunstvoll und vielschichtig Geschichten auf wenigen Seiten erzählt werden können, wie eine einzelne Erzählung einen länger beschäftigt als ein umfassender Roman.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 27.11.2025

Peter Stamm ist für Rezensentin Meike Feßmann ein "Meister lautloser Nebensächlichkeiten", das merkt sie auch in seinem neuen Erzählungsband, der neun Geschichten vereint, in denen das Handy als "verbales Distanzmedium" immer wieder eine wichtige Rolle spielt. Seine Figuren mäandern zwischen Nähe und Abstand: Etwa der Skilehrer, der in der Schweiz womöglich einen Unfall verursacht hat und jetzt in einer Skihalle im Ruhrgebiet unterrichtet, wie Feßmann schildert. Auch in der Geschichte um einen jungen Mann, der sich einer Art Survival-Training für eine fiktive Marsmission unterzieht, erkennt die Kritikerin, wie wichtig die Themen Einsamkeit und Ablösung für das Werk Stamms sind. Eine überzeugende Zusammenstellung, schließt sie.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.11.2025

Ein weiteres eigensinniges Buch fügt Peter Stamm hier seinem faszinierenden Werk hinzu, meint Rezensentin Nora Zukker. Viel erkennt Zukker wieder aus älteren Stamm-Büchern in den neun hier versammelten Erzählungen, die Stille etwa, die seine Figuren umgibt, ihren Hang zum Zaudern, die Vorliebe für das Ungesagte, und auch diesmal brechen bei Stamm Leute wieder mir nichts, dir nichts auf und lassen ihr Leben hinter sich. Zukker geht auf eine ganze Reihe der Erzählungen näher ein: "Auf dünnem Eis I" etwa beschreibt sie als eine erzählerisches Spiegellabyrinth, in dem sich die Hauptfigur, eine Schauspielerin, die für Ärzte in Ausbildung Patientinnen mimt, verläuft, in anderen Geschichten möchte ein Junge zum Mars, oder Menschen werden in Talentshows vorgeführt. Am besten gefällt der Rezensentin die letzte Geschichte, in der der Erzähler die zunehmende Vereisung der Welt protokolliert. Hier und da hat Zukker schon auch Kritikpunkte, in einer Geschichte etwa wird für ihren Geschmack zu viel Hölderlin zitiert, aber insgesamt scheint sie sich in dem Buch wohl zu fühlen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.11.2025

Peter Stamm bleibt sich und seinen Themen treu, stellt Rezensentin Shirin Sojitrawalla bei der Lektüre seines neuen Erzählungsbandes fest: Einsame Menschen, die die Sehnsucht nach einem anderen Leben zu mancherlei seltsamen Verhalten führt. Nicht alle der Geschichten findet sie gelungen, aber dort, wo sie aufgehen, entfaltet sich "Endzeitstimmung", die Tristesse einer Schauspielerin, die mit seltsamen Rollenspielen ihren Mann betrügt, oder die Enttäuschung einer anderen Frau, deren Friedenstruppe im Kosovo scheitert. Insgesamt sind die Geschichten durch die Ich-Perspektive und das Präsens, in dem sie verfasst sind, sehr gegenwärtig und nahe, resümiert die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 31.10.2025

Die Einsamkeit in der Gesellschaft nimmt zu, weiß Rezensent Jan Drees, und von jenen Einsamen handeln die melancholischen Erzählungen in Peter Stamms neuem Buch, in denen die Stille eine entscheidende Rolle einnimmt. Ein junger Mann bereitet sich im Keller seiner Eltern für eine Weltraummission vor, die es gar nicht gibt, stattdessen schließt er sich für sechs Monate ein und schweigt, erfahren wir, in einer anderen Geschichte ist ein Skilehrer ins Ruhrgebiet geflohen, nachdem er einen Unfall verursacht hat und hofft, dass er aus seinem Rückzug gerettet wird, resümiert Drees. Ihn überzeugt dieser leise Band gerade dadurch, dass er mit nur wenigen Strichen entscheidende Geschichten erzählt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2025

Rezensent Paul Jandl ist eingenommen von der stillen Einsamkeitsseismographie, die Peter Stamm in seinen neun Erzählungen entfaltet. Darin erzählt Stamm in kurzen Sätzen von Figuren, die inmitten ihres Alltags nach echter Nähe suchen, ohne sich dafür gänzlich entblößen zu müssen. Als Motiv nutzt er dabei in geschickten Variationen den "menschlichen Funkverkehr", wenn sich etwa die Hauptfiguren der Titelgeschichte nebeneinander auf einer Parkbank Kurznachrichten schreiben, statt direkt miteinander zu reden oder sich der selbsternannte Astronaut Laurin für eine Mission im eigenen Keller einschließt und mit seiner Familie nur über Textnachrichten kommuniziert. Jandl sieht darin ein Spiel mit dem Verhältnis zwischen Entfremdung und Nähe, das Stamm auch auf die Beziehung zwischen den Lesenden und seinen Figuren ausweitet. Alle Figuren werden nur in atmosphärischen Andeutungen, in weichgezeichneten Schwingungen skizziert, die stets ambivalent bleiben. Stamms bewusste Uneindeutigkeit versprachlicht eine mögliche Vereinsamung, die in der dystopischen Erzählung "Wintern" über den wohl letzten Menschen auf der Welt ihren Höhepunkt erreicht, "das weiße Rauschen auf allen Kanälen", schließt Jandl.