Patrick Hamilton

Sklaven der Einsamkeit

Roman
Cover: Sklaven der Einsamkeit
Dörlemann Verlag, Zürich 2006
ISBN 9783908777205
Gebunden, 335 Seiten, 22,80 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Das Leben von Enid Roach steht Kopf. Der London Blitz treibt sie in die Provinz, wo sie Dinge unternimmt, die sie unter normalen Umständen niemals auch nur in Betracht ziehen würde. Sie verabredet sich in Pubs, hat eine Affäre mit einem amerikanischen Offizier und wohnt in einer Pension, in der die unterschiedlichsten Menschen ein bizarres Dasein fristen. Dominiert wird dieser ganz alltägliche Wahnsinn im Rosamund-Tearoom von Mr. Thwaites, einem Tyrannen mit nervtötenden Affektiertheiten und seiner Verbündeten Vicki Kugelmann, die Miss Roach durch ihre grausamen Intrigen und sadistischen Sticheleien in einen leidenschaftlichen Ausbruch abgrundtiefen Hasses treiben, der sie fast um den Verstand bringt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.06.2006

Rezensent Michael Schmitt mochte Patrick Hamiltons Roman aus dem Jahr 1947, den er als aktuelles Zeitbild aus einer Kleinstadt nahe Londons im Kriegsjahr1943 beschreibt. Hamilton erzähle die Geschichte seiner Protagonistin Enid und einer Handvoll Ausgebombter, die in einer ungemütlichen Pension untergekommen sind, etwas oberflächlich. Aber gerade das macht für Schmitt die Qualität dieses zeitlosen Erzählstils aus: dass der Autor ironische Distanz zu seinen Figuren hält, ihr Elend, ihre Stärken und Gefühle nie im Detail erläutert. Insgesamt bescheinigt der Rezensent Hamilton eine "detaillierte Kenntnis der Lebensbedingungen" jener Zeit, ein besonderes Gespür, wie der Krieg in das "soziale Leben" der Menschen, ihren Umgang miteinander eingreift. Aber auch dafür, wie sich aus der Auflösung alter Ordnungen und Bindungen neue Selbstständigkeiten und Freiheiten ergeben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.06.2006

Wolfgang Schneider kann nach Lektüre dieses Romans von Patrick Hamilton verstehen, was Hitchcock an den Geschichten des britischen Autors gereizt hat. Die Atmosphäre des Buches erinnert ihn auch an "alte Schwarzweißfilme". Der Roman spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in einer mittelmäßigen Pension, in der sich verschiedene Menschen auf der Flucht vor den Bombenangriffen auf London zusammengefunden haben. Insbesondere die sich auftuenden Abgründe zwischen den ehemaligen Freundinnen Enid Roach und der Deutschen Vicki Kugelmann, die beide um denselben Mann werben, begeistern den Rezensenten wegen ihrer psychologischen Raffinesse. Ob die Bosheiten, die Mrs. Roach ihren Mitbewohnern unterstellt, wirklich intendiert sind oder doch ihrer Paranoia zuzurechnen sind, bleibt lange offen und das trägt ebenfalls erheblich zur Spannung des Romans bei, lobt Schneider. Die mitunter allzu deutlichen Figurencharakterisierungen werden dadurch mehr als aufgewogen, versichert er. Der Schluss allerdings, den der Rezensent natürlich nicht verrät, hat ihn nicht recht überzeugen können.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.04.2006

Eine Schlusspointe, ein Knalleffekt am Ende hält dieser Roman ebensowenig bereit wie eine identifikationsstarke Hauptfigur, glaubt Helmuth Krausser. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Hierzulande kennt man Patrick Hamilton vor allem als Drehbuchschreiber von Hitchcock-Klassikern und als alkoholkranken Autor: Aber nicht das Assoziations-Stakkato oder gar die schlichte Wortwahl eines Trinkers kennzeichnen diese Prosa. Ein "stilistisches Meisterwerk" sei dieser Roman, "elegant", "zart" und sprachmächtig, zuweilen gar "schnörklig-preziös" in ironischer Absicht, begeistert sich der Rezensent. Ob andere diese Begeisterung teilen, bleibt indes selbst für ihn fraglich. Denn ebenso wie der Roman sich nicht zwischen Katastrophe und Karthasis als dramaturgischem Fluchtpunkt entscheiden will, könnte es dem Leser mit der Hauptfigur Miss Enid Roach ergehen, die sich während des Zweiten Weltkriegs aus London in eine vermeintlich ländliche Idylle zurückzieht. Dem Autor gelingt es, diese Figur zwischen kleinbürgerlicher Verspanntheit und Geisteskrankheit "flimmern und schillern zu lassen bis zu letzten Seite". Das mag dem eingängigen Verständnis, gar einer Identifikation abträglich sein, zeugt aber vom großen dramaturgischen Geschick des Autors, so Krausser.
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