Patricia Melo

Inferno

Roman
Cover: Inferno
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003
ISBN 9783608932317
Gebunden, 400 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Brasilianischen von Barbara Mesquita. Der Kinderheld Jose, der sich der Kleine König nennt, lebt in den Favelas von Rio de Janeiro: ein emotionaler Krüppel, im Innern tief verletzt durch die Prügel seiner Mutter; ein unfertiger Mann; ein Pragmatiker, der in die Welt hinausdrängt. Ermöchte irgendwo dazugehören, wo er Halt und Anerkennung bekommt, und so gerät er in eine Welt der Gewalt. Denn in den brutalen und armen Favelas gibt es nichts anderes ...Der Titel erinnert an Dante, und Patricia Melo beschreibt die Stadt als einen Kreis der Hölle, in dem Mord, Vergewaltigung und Folter zum Alltag gehören, wo das Entsetzliche normal ist. Wie in der brutalen Eingangsszene: Gewalt geschieht nebenbei, mit einem Achselzucken. Joses Boß schießt ihm, um ihn wegen seiner Unaufmerksamkeit zu strafen, durch die Hand.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.10.2004

Wie oft die brasilianische Journalistin Patricia Melo für ihren Roman "Inferno" die Favellas von Rio de Janeiro besucht hat, kann der "stm" zeichnende Rezensent nur vermuten. Eins jedoch sei gewiss: "Gewalt ist ihr Thema." In "Inferno", der Geschichte von Reizinho und seinem Aufstieg vom schmächtigen Slum-Jungen zum mächtigsten Drogenboss Brasiliens, geht Melo so dicht ran, "dass es weh tut", schreibt der Rezensent. Auch ihr ästhetisches Programm - das an Musikvideoclips erinnernde atemlose "Stakkato" extrem hoher Schnittfrequenzen - hat ihm im Grunde genommen gefallen, doch unterläuft Melo dabei der entscheidende Fehler der Länge, meint er: Am Ende geht ihm die Geschwindigkeit nur noch auf die Nerven.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2004

Kritisch geht Rezensent Florian Borchmeyer mit Patricia Melos "telegenem Elends-Epos" ins Gericht. Dass der Verlag den Roman mit dem Slogan bewirbt, er lese sich wie das Drehbuch zum Film "City of God", hält er für bedenklich - zumal dieser auf den Kinoerfolg von Fernando Meirelles schielende Marketingslogan nicht ganz unzutreffend sei. Seines Erachtens nämlich ist Melos Roman "geradezu maßgeschneidert" für eine Verfilmung. Mit täuschender Ähnlichkeit reihe er sich ein in die im lateinamerikanischen Kino derzeit modische Tendenz, das Elend der Straßen zum Thema kruder Reality-Streifen zu machen. Vor allem wirft Borchmeyer der Autorin vor, Gewalt unkritisch darzustellen, ohne nach deren tieferen Ursachen zu fragen. Zu einer wirklich tiefgehender Analyse komme es nicht. "Vielmehr", erklärt Borchmeyer, "ergibt sich der Effekt einer hyperrealistischen Mischform aus Erzähltext, Doku-Drama und Sozialchronik - und eben dadurch die Nähe zu einer fernsehtauglichen Ästhetik". Traurig am Vergleich mit "City of God" findet er zudem, dass dieser Film tatsächlich einen "exzellenten und mit spezifisch literarischen Mitteln operierenden Roman" zur Vorlage habe - Paulo Lins "Cidade de Deus". Der erscheint zu Borchmeyers Freude in diesem Herbst unter dem Titel "Die Stadt Gottes" im Blumenbar Verlag.
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