Oliver Jahraus
Verstrickte Philosophie. Heidegger und der Nationalsozialismus
Was bleibt von einem der umstrittensten deutschsprachigen Philosophen?
Klappentext
Was bleibt von einem der umstrittensten deutschsprachigen Philosophen? Auf der einen Seite steht einer der größten Philosophen, auf der anderen Seite sein Engagement für den Nationalsozialismus. Wie passt das zusammen? Das fragte sich schon der 23-jährige Student Jürgen Habermas, der mutig eine Diskussion um seine philosophische Leitfigur anstimmte und die Vorzeichen für die folgenden Diskussionen setzte. Oliver Jahraus geht der Frage nach und zeigt, wie dieses Spannungsverhältnis - noch verstärkt durch die Skandale um die Veröffentlichung von Heideggers "Schwarzen Heften" - seine Rezeption bis heute prägt, wie vielfältig diese Verstrickung aufgegriffen wurde, welche Positionen zwischen Verteidigung und Verdammung, zwischen Apologie und Polemik es gibt, und in welcher Form Heideggers Philosophie selbst nationalsozialistisch ist. Jahraus plädiert für eine offene Auseinandersetzung mit Heidegger, die seine Verstrickung als Teil dieser Philosophie ernstnimmt.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.06.2026
Rezensent und Philosophie-Dozent Klaus Englert findet Oliver Jahraus' Buch über Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus leider "reichlich ermüdend". Denn zum 50. Todestag des Schwäbischen Philosophen nochmal in allen Einzelheiten diese Debatte aufzurollen, die schon dreimal geführt wurde (nach dem Krieg, in den 80ern und zuletzt 2014, erklärt Englert), das scheint dem Kritiker überflüssig und auch sinnlos - sei doch eigentlich schon längst geklärt worden, nicht zuletzt durch den Heidegger-Schüler-Lévinas (der aber nicht mal erwähnt wird, empört sich Englert), dass das betreffende Vokabular Heideggers nicht als nationalsozialistisch, sondern wenn dann als "völkisch" zu bezeichnen und in seine Philosophie auch anders einzuordnen sei. Auf kluge Äußerungen zum Thema von Jürgen Habermas, den Englert als Jahraus' "wichtigsten Gewährsmann" ausmacht, komme der Autor zwar zu sprechen, habe aber selbst nichts Neues zum Thema beizutragen. Abschließend kann der Kritiker nur nochmal auf Dieter Thomäs "wohltuende" Mahnung verweisen: Heidegger dem NS unterzuordnen, sei in Anbetracht seines epochalen Werks schlicht "vermessen".
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2026
Rezensent Dieter Thomä ist in vielen Punkten überzeugt von Oliver Jahraus' Versuch, ein wenig Sachlichkeit in die überhitzte Debatte um Martin Heideggers Werk zu bringen. Konkret geht es um die Frage, inwiefern die Nähe des Philosophen zum Nationalsozialismus dessen Werk diskreditiert. Jahraus plädiert für Ambiguitätstoleranz. Einerseits, schreibt er, lässt sich schlichtweg nicht leugnen, dass Heidegger Nazi und auch Antisemit war, andererseits wird dadurch sein philosophisches Werk nicht wertlos. Jahraus beschäftigt sich in seiner Studie weniger mit Heideggers eigenen Schriften, als mit der Rezeptionsgeschichte insbesondere eben hinsichtlich der Frage nach dem Verhältnis des Werks zu politischen Fragen. Selbst Heideggers Unwillen, sich nach dem Krieg mit den Antisemitismusvorwürfen gegen ihn auseinander zu setzen, fügt sich in sein philosophisches Projekt ein, zeigt Jahraus auf. Thomä wiederum hätte hier und da doch gern etwas mehr Heidegger-Exegese gelesen, und wenn Jahraus seinen Gewährsmann Habermas rundheraus zum Heidegger- statt zum Adorno-Schüler umdeklariert, ist der Rezensent auch nicht komplett einverstanden. Dennoch fällt das Fazit der Besprechung klar positiv aus.
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