Ein Neunzehnjähriger zieht 1973 nach West-Berlin, um der Bundeswehr zu entgehen. Sofort verfällt er dem rauen Charme der heruntergekommenen Halbstadt. Vor allem aber begreift der vermeintlich schwule Mann, dass er transsexuell ist. Um die sein zu können, die sie ist, heuert er im Chez Romy Haag, dem damals bekanntesten Travestieclub Europas, als Garderobiere an. Nora Eckert erzählt von ihrem Geschlechterwechsel, von den schmerzhaften und beglückenden Erfahrungen, die damit verbunden waren. Sie berichtet von dem demütigenden Begutachtungsprozess, dem sie sich unterziehen musste, um auch "offiziell" eine Frau zu sein. Vom Berliner Arbeitsamt zur Stenokontoristin umgeschult, kehrt Nora Eckert 1982 in die bürgerliche Welt zurück. Nun stürzt sie sich in das "hochkulturelle" Nachtleben der Stadt: Theater, Oper, Konzerte. Die "Schreibdame" ohne Abitur fängt Mitte der achtziger Jahre selbst zuschreiben an und wird im Nebenberuf eine vielbeschäftigte Opernkritikerin. Die Bühne, auf der sich all dies vollzieht, ist die zweite Heldin dieses Buches, das nicht zuletzt eine große Liebeserklärung ist an das wilde, hedonistische West-Berlin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2021
Rezensentin Carolin Wiedemann empfiehlt der Politik die Lektüre von Nora Eckerts Autobiografie. Darin beschreibt die Autorin, wie es sie von Nürnberg nach Berlin in die Garderobe von Romy Haags Club verschlug und wie sie dort ihre wahre Identität fand und ausleben konnte - als Transfrau. Als Selbstfindungsbuch erzählt der Band laut Wiedemann von Begehren und Zwang, nimmt aber auch Erkenntnisse der Transgenderforschung auf und diskutiert die Gewalt gegen Transmenschen und die Diskriminierung durch das Transsexuellengesetz.
Nora Eckert hat mit diesem Buch ein so lässiges wie empfehlenswertes "Memoir" über ihre Selbstfindung als trans Frau geschrieben, freut sich Rezensent Stefan Hochgesand. Im "Bowie-Berlin" der Siebziger beginnt die 1954 geborene Autorin als Frau zu leben, die Disconächte ermöglichen ihr das Finden eines Platzes in der Gesellschaft, der dennoch ein prekärer bleibt: Noch ist es nicht möglich, sein Geschlecht auf dem Papier ändern zu lassen, weshalb Eckert zunächst schwarzarbeitet und dann für einen seriösen Bürojob ihre Geschichte verheimlicht, erzählt der Kritiker. Hochgesand findet es bewundernswert, wie humorvoll diese mitunter schmerzvolle Geschichte daherkommt.
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