Wenn man versucht, die Geschichte des Nahen Ostens zu verstehen, ist es, als würde man die Züge eines Schachspiels verfolgen - jedoch auf vielen Schachbrettern gleichzeitig. Jeder Zug auf dem einen Brett löst Bewegungen auf den anderen aus. Der 7. Oktober hat das vernetzte Spiel im Nahen und Mittleren Osten noch einmal in eine neue Phase katapultiert: Inzwischen ist die Hamas keine Gefahr mehr, die Hisbollah im Libanon massiv geschwächt, die Islamische Republik Iran hat ihren Verbündeten in Damaskus verloren. Die gesamte Region kann sich in Richtung Frieden bewegen - oder ein einziger falscher Zug lässt alles in sich zusammenbrechen. Natalie Amiri hat auf ihren Reisen unter anderem mit Frauen aus Gaza gesprochen, mit Angehörigen entführter Geiseln und den kurdischen Kämpferinnen in Rojava. Ihr Buch bietet keine einfachen Antworten. Es ist ein Mosaik aus Stimmen, Ängsten, Hoffnungen und Widersprüchen. Aus Geschichten, die zeigen, wie eng alles miteinander verknüpft ist - und dass wir nur verstehen können, wenn wir die Komplexität aushalten.
"Es ist der instabilste Moment dieses Regimes nach 46 Jahren", betont Natalie Amiri, die ein Buch über den Nahen Osten geschrieben hat, im taz-Interview. In der westlichen Iran-Politik gebe es allerdings bis heute keinen "Lichtblick": "Ich denke, es hätte einen Zeitpunkt gegeben, an dem man das Regime durch wirtschaftliche Kooperation hätte unter Druck setzen können, da die Ideologie im Jahr 2015 gar nicht mehr so präsent war. Doch der einseitige Austritt der Amerikaner aus dem Atomwaffensperrvertrag und die Tatsache, dass die Europäer keine eigenständige Antwort darauf gefunden haben, haben dies verhindert. Jetzt steht man vor einem Scherbenhaufen. Dazu war die Bundesrepublik Deutschland jahrzehntelang der wichtigste Handelspartner der Islamischen Republik innerhalb der EU. Es wurden Waren geliefert, die zur Unterdrückung genutzt wurden. Während die Kinder der Mullahs an Eliteuniversitäten in westlichen Metropolen studieren. Der Geldtransfer funktioniert für die Machtelite perfekt, weil sie die Schlupflöcher kennen. Es ist traurig, dass es bis heute im Westen keinen politischen Willen gibt, das Regime endgültig Schachmatt zu setzen." Unser Resümee
Im Interview mit der SZ will Natalie Amiri, die gerade eine Reportage über den "Nahost-Komplex" veröffentlicht hat, Trumps Kriegsplan nicht von vornherein für verloren erklären. Und auch auf Benjamin Netanjahu wirft sie einen differenzierten Blick (die Hamas kommt im Interview allerdings - wie so oft - praktisch nicht vor): "Wenn es Netanjahus Ziel war, dass die letzte Zeile seines Wikipedia-Eintrages einmal nicht lautet: '... und ermöglichte durch seine Ignoranz den Schlag der Hamas am 7. Oktober' - dann hat er das zweifelsohne erreicht. Der Artikel wird nun weitergehen mit einem Kapitel zu seinem grausamen Krieg in Gaza und mit einem zu der Befreiung, die sein Feldzug gegen Iran der Region gebracht hat. Ohne den hätte Assad in Syrien nicht so schnell gestürzt werden können, hätte Libanon nicht die Chance, die Hisbollah zu entwaffnen. Mein Vater und sein Stammtisch mit Exiliranern, die seit Jahrzehnten von einer Rückkehr nach Iran träumen und sich schon so oft sicher waren, dass es bald so weit ist, haben nun vielleicht eine realistischere Chance, dass ihr Traum Wirklichkeit wird." Unser Resümee
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