Nabil Osman

Kleines Lexikon untergegangener Wörter

Wortuntergang seit dem Ende des 18. Jahrhunderts
Cover: Kleines Lexikon untergegangener Wörter
C. H. Beck Verlag, München 1999
ISBN 9783406459979
Taschenbuch, 263 Seiten, 10,17 EUR

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2000

Die Sprache ist wie ein Fluss, schreibt Manfred Papst einführend, der einzelne Wörter mitschleift, sie neu formt und andere abstößt. Und die Sprachpfleger, setzt er hinzu, stünden händeringend am Ufer. Ein schönes Bild. Papst widmet sich nach dieser kleinen philosophischen Betrachtung zwei Büchern, die das Wortgeröll, die stillgelegten und die neu entstandenen Worthalden erforschen.
1) "Duden-Wörterbuch der Szenesprachen".
Ein Ärgernis, findet Papst und fragt sich, wie dieses Wörterbuch zu dem Güte-Siegel des Dudens gekommen ist. Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert (Musik/ Computer/Sport etc), innerhalb derer alphabetisch vorgegangen wird. Was Papst ärgert, ist der ungenaue Gebrauch der Idiome. Da würden im Computer-Kapitel zahlreiche Fachbegriffe aufgeführt, die einfach Fremdwörter seien - das Wort "homepage" etwa -, deswegen aber noch lange keine Szenesprache bedeuten. Die zunehmende Anglisierung der deutschen Sprache ist für Papst unbestritten; aber muss die englische Herkunft darum automatisch zum Wesensmerkmal eines Szeneworts avancieren, fragt Papst. Bestünde die Szenesprache nicht eher aus Neubildungen wie "dissen" oder "zuföhnen"? Gleichfalls ärgerlich findet Papst den aufgesetzten und anbiedernden Plauderton in den Erläuterungen zu den einzelnen Wörtern, die mit einer präzisen Wortgeschichte nicht viel gemein hätten.
2) Nabil Osman: "Kleines Lexikon untergegangener Wörter"
Genugtuung findet der Rezensent in diesem kleinen Lexikon, das der ägyptische Germanist Nabil Osman bereits 1971 als Dissertation vorgelegt hatte und nun neu aufgelegt wird."Eine Fundgrube", behauptet Papst, weil es, wenn auch vorübergehend, Wörter wieder zum Leben erweckt, die aus unserem Sprachschatz verschwunden sind. Papst gerät ins Schwärmen über Ausdrücke wie "bepurpurn", die Unterscheidung zwischen "Empfindung" und "Empfindnis" oder abhanden gekommene Formulierungen wie "widerstehlich" im Gegensatz zu unwiderstehlich. Das Schöne an Osmans Lexikon sei, schreibt Papst, dass es nicht nur all diese Wörter aufgespürt habe, sondern auch ihrer Geschichte, ihrem Ursprung nachgeforscht hätte. Daneben liefere der Verfasser auch eine theoretische Einführung in das Phänomen des Wortuntergangs. Ein Buch, ein Wortschatz im besten Sinn, das für Papst die lexikalischen "Tugenden des Sammelns, Ordnens und Deutens" in sich vereint.
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