Aus dem Bulgarischen von Gabi Tiemann. Mirela Ivanovas Gedichte erzählen von Zeiten des Übergangs - dramatisch, chaotisch, hektisch, paradox. Die eine Seite ist der bulgarische Alltag: die Welt der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung, ein allgemeines Chaos, dem sich niemand entziehen kann. Den anderen Pol bildet eine existentielle Dimension des Erlebens, das Wissen um die Gegenwart des Todes, die Grenzüberschreitung in der Vision, dem Traum und dem Akt des Benennens.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 01.12.2004
Mal so, mal so, mal Strophen, mal keine, mal Pathos, mal Lakonie - Adam Olschewski ist etwas genervt von der Heterogenität der Gedichte Mirela Ivanaovas. "Man kann dies als Flexibilität auslegen", doch er ist eher der Ansicht, dass die Autorin noch nicht so recht weiß, was und wie sie etwas sagen will. Dadurch klinge vieles unorganisch und falsch: Die Pointen zerschellen zuweilen an der "ausufernden Geste", die Symbolik wirkt großtuerisch. Ein kontinuierliches Stilmittel hat Olschewski jedoch gefunden, doch auch das ist ihm wiederum ein Zeichen für Unentschlossenheit: die Aufzählung. "Wenig anmutig" findet er das. Doch am Ende gibt er sich gnädig: "Eine Autorin im Werden".
Fast wäre er geplatzt, der
Benedikt Erenz, zufrieden zwar, aber halt geplatzt. Oder waren es die
Gedichte von Mirela Ivanova, die beinahe explodiert wären?
Jedenfalls findet der Kritiker die Verse der Bulgarin "furios
bis zum Platzen". Und dabei riecht der Titel der hier
vorgestellten Gedichtauswahl, "Versöhnung mit der Kälte",
arg nach "Schmonzes der achtziger Jahre", wirft Erenz ein
und gibt sogleich Entwarnung. Versöhnt ist und wird gar nichts
in der Lyrik der zweifelnden Dichterin aus Sofia, die unter der
"zombischen Diktatur des balkanischen Sozialismus" groß
geworden ist. Fetzen "der großen Bachmann-Orgel"
klingen an in "wunderbaren, völlig makellosen Texte",
die mutwillig zerkratzt werden, doch genau das lässt die Verse
"leuchten und glühen", so Benedikt Erenz.
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