Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut

Roman
Cover: Das Mädchen mit dem Fingerhut
Carl Hanser Verlag, München 2016
ISBN 9783446250550
Gebunden, 144 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Irgendwo in einer großen Stadt, in Westeuropa. Ein kleines Mädchen kommt auf den Markt, hat Hunger. Sie versteht kein Wort der Sprache, die man hier spricht. Doch wenn jemand "Polizei" sagt, beginnt sie zu schreien. Woher sie kommt? Warum sie hier ist? Wie sie heißt? Sie weiß es nicht. Yiza, sagt sie, also heißt sie von nun an Yiza. Als Yiza zwei Jungen trifft, die genauso alleine sind wie sie, tut sie sich mit ihnen zusammen. Sie kommen ins Heim und fliehen; sie brechen ein in ein leeres Haus, aber sie werden entdeckt. Michael Köhlmeier erzählt von einem Leben am Rande und von der kindlichen Kraft des Überlebens.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 26.05.2016

Das Titelbild, also der erste Eindruck von Michael Köhlmeiers kleinem Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" trügt, warnt Rezensent Hubert Winkels. Das ist kein Roman über ein erbarmungswürdiges kleines Mädchen. Es ist auch kein Märchen oder ein Flüchtlingsroman. Man könne es zwar so lesen, doch die Intensität, die Köhlmeier hier wortkarg entfaltet, bekommt man mit solchen Einordnungen nicht zu fassen, findet Winkels. Dieser Roman ist grausam. Das Mädchen und zwei andere Kinder verweigern jede Kommunikation, eine Frau, die das Kind erziehen will, wird umgebracht. Humane Integration? Wird von den Kindern nicht mal als Möglichkeit erkannt. Diese Botschaft wird noch stärker durch den super reduzierten Stil Köhlmeier, lobt Winkels. Da bleibt kein Auge trocken.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.05.2016

Gerhard Melzer hat das Buch der Stunde gefunden. Michael Köhlmeiers Roman um zwei entwurzelte Kinder auf der Suche nach Wärme und Nahrung hat für ihn die Allgemeingültigkeit und das utopische Potenzial des Märchens und verweist zugleich auf das aktuelle Geschehen um Flucht und Vertreibung. Die Form des Märchens entspricht laut Melzer der Raum- und Zeitlosigkeit der Kinder ganz gut. Durch die Reduktion auf wesentliche menschliche Bedürfnisse bekommt das Geschehen im Text archaische Wucht, meint Melzer. Interessant erscheint ihm die damit vorgenommene Umdeutung des Guten vom Moralischen ins Materialistische bei Köhlmeier.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2016

Rezensent Wolfgang Schneider hat Michael Köhlmeiers Märchenparabel über Wolfskinder schnell gelesen. Umso länger gibt sie ihm zu denken, denn er entdeckt darin die Ambivalenzen des Denkens in Zeiten der Flüchtlingskrise. Sind sie nun bemitleidenswert, diese Kinder, die auf sich gestellt betteln und stehlen, oder nicht? Das wäre die realistische Lesart. Doch Köhlmeier bietet dem Rezensenten auch eine zweite, die den Reiz des Mythischen hat und die der Autor geschickt ausgestaltet. Überhaupt staunt Schneider über die stilistische Wandlungsfähigkeit des Autors, der in diesem Buch anders als in seinen anderen und mit einer Andersen-Figur, einer Mitleidsfee, im Mittelpunkt, so raffiniert am Märchen laboriert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.03.2016

Dieser Roman setzt Maßstäbe für all jene Autoren, die künftig aus ihrer Vorstellungskraft über Fremdheit und Überleben schreiben wollen, konstatiert Insa Wilke. Denn Michael Köhlmeier bricht alle Erwartungen an seinen Roman, fährt die Kritikerin fort, die hier nicht einfach eine märchenhaft erzählte Geschichte über ein verlassenes Flüchtlingsmädchen in der Fremde liest. Vielmehr gelingt dem Autor etwas Außergewöhnliches, verspricht Wilke: Er nähert sich dem Kind mit größtmöglicher Distanz und befreit von jeglichen Gefühlsanwandlungen und Sentimentalitäten, so dass die Wahrnehmung des Kindes umso stärker hervortritt, informiert die Rezensentin. Zugleich erscheinen ihr Köhlmeiers kindliche Protagonisten als Reflexionsflächen, an denen man die Ungerührtheit der Gesellschaft ablesen kann. Ein stiller Roman, der mit den "Urkräften des Erzählens" spielt, schließt die eingenommene Kritikerin.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.01.2016

Mit Michael Köhlmeiers neuem Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut" hat Rezensentin Judith von Sternburg ein ganz wunderbares Buch entdeckt, das es im ausgehenden westeuropäischen 20. Jahrhundert so lange nicht gegeben habe. Ob es sich bei dieser rätselhaften Geschichte um ein kleines elternloses Mädchen, das verlassen durch den Winter einer Großstadt streift, tatsächlich um ein Märchen handelt, vermag die Kritikerin nicht zu sagen. In jedem Fall aber wird sie von dem bitteren Schicksal des Mädchens, das der Rezensentin wie ein verwaistes Flüchtlingskind erscheint, in den Bann gezogen. Und wie Köhlmeier die Sprachlosigkeit, die Verständigungsprobleme und das Staunen des Kindes durch eine unmarinierte, vereinfachte Sprache erzeugt, ringt der Kritikerin ohnehin größte Anerkennung ab.
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