Michael Köhlmeier

Abendland

Roman
Cover: Abendland
Carl Hanser Verlag, München 2007
ISBN 9783446209138
Gebunden, 780 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Carl Jacob Candoris - Mathematiker, Weltbürger, Dandy und Jazz-Fan - ist fünfundneunzig, als er seine Lebensbeichte ablegt. Aufschreiben soll sie der Schriftsteller Sebastian Lukasser, Sohn des Gitarristen Georg Lukasser, den Candoris in den Jazz-Kellern im Wien der Nachkriegsjahre kennengelernt hat. Candoris erzählt von seinem Großvater, der in Wien einen berühmten Kolonialwarenladen betrieb; von seinen seltsamen Verwandten, bei denen er in Göttingen während seines Studiums lebt und die Größen der Naturwissenschaft kennenlernt; und vom Wien der Nachkriegszeit - wo Sebastians Geschichte beginnt, die Geschichte einer Selbstfindung, die sich über die zweite Hälfte des Jahrhunderts zieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007

Rezensentin Felicitas von Lovenberg fürchtet, dass ein Roman, der mit der Absicht geschrieben scheint, ein "Jahrhundertroman" zu sein, eigentlich scheitern muss. Und sie gesteht, sie habe den ersten Teil des Buches "mit Euphorie", den nächsten mit "Bewunderung und einsetzender Übersättigung" und den Schluss nur noch gelesen, um zu Ende zu kommen. Dennoch hat sie viel zu erzählen und zu loben, erfreut sich und die Leser sowohl an bestimmten Details der Reflexion als auch am Gesamtentwurf der Konstruktion. Als eindeutige Stärke des Romans empfindet sie, dass er "psychologisch" aber nicht "psychologisierend" sei. Obgleich die Rezensentin urteilt, dass man es hier mit "wahrer Literatur" zu tun habe, fehlt ihr doch eine "Offenbarung". Am Ende ihres Textes entscheidet sie sich schließlich, den Roman doch eher für "überladen" zu halten.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2007

Rezensent Tobias Rapp bescheinigt Michael Köhlmeier, mit "Abendland" einen Generationsroman des 20. Jahrhunderts geschrieben zu haben, dem es gelingt, der Sogwirkung, die die Nazizeit ausübe, zu entgehen. Zentrale Figur seines Buches ist der vom Autor liebevoll beschriebene hochbetagte Österreicher Candoris. Obwohl dieser alle Ereignisse und Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts miterlebt habe, stellen für ihn Begegnungen mit Figuren wie Emmy Noether, Django Reinhardt und Billie Holiday größere persönliche Ereignisse dar, als die überpersönlichen Zeitläufte der Geschichte. Rapp sieht damit die Geschichtserfahrung der jüngeren Generation getroffen, für die die Katastrophengeschichte des vergangenen Jahrhunderts ein Erzählung unter anderen ist. Eine hohe zivilisatorische Leistung bedeutet es nach Ansicht des Rezensenten, dass eine Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt werden kann, die die Totalitarismuserfahrungen nicht vergisst, dennoch aber die persönlichen Erfahrungen in den Vordergrund stellen kann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.10.2007

Dem Autor attestiert Harry Nutt eine Spur Größenwahn. Allerdings scheint ihm dieser hier sympathisch. Die Themen eigener früherer Texte zu bündeln und der Versuch, daraus ein Spiegelbild der "Hybris des 20. Jahrhundert" zu schaffen, findet er achtenswert. Dabei hat es ihm Michael Köhlmeier nicht leicht gemacht mit seinem groß angelegten "Patchwork" aus Lebensgeschichten und einem übermäßig mit "historischer Erfahrung gesättigten" Helden, der reichlich mit authentischen Biografien konfrontiert wird. Eine Überforderung der Gattung? Nein. Denn gerade das Überkandidelte hat Nutt schließlich in Bann gezogen und ihn dieser "Odyssee zwischen Geist und Gewalt" folgen lassen. Das wird belohnt. Am Ende verschwindet die "störende Versuchsanordnung" und der Rezensent hält einen "unwahrscheinlichen Roman" in Händen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.09.2007

Hart ins Gericht geht Christoph Bartmann mit Michael Köhlmeiers voluminösem Großroman "Abendland". Die allseits bejubelte Wiederkehr des episch-breiten, weit ausholenden, psychologisch-realistischen Erzählens betrachtet Bartmann ohnehin eher zurückhaltend bis skeptisch. Köhlmeiers Werk, das in seinen Augen durch ein "Fabulieren bis zum Anschlag" gekennzeichnet ist, kann ihn da nicht eines Besseren belehren. Ihm scheint, hier werde ohne Motivation viel zu viel erzählt. Dass der Roman mit seiner Vielzahl von Themen wie Jazz, Mathematik, Liebe, den Zeitläuften im Besonderen und Allgemeinen "hochgelehrt" daher kommt, will er gar nicht in Abrede stellen. Doch gelingt es dem Autor seines Erachtens nicht, Fiktion und Dokumentarismus zu vermitteln, sein Personal überzeugend in die geschichtlichen Umstände zu integrieren. Zwar bescheinigt er dem Buch im Einzelnen eine ganze Reihe von bemerkenswerten essayistischen Passagen. Als Ganzes aber hält er diesen Roman für gescheitert.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.09.2007

Rezensentin Verena Auffermann zeigt sich von Michael Köhlmeiers Roman "Abendland" zutiefst beeindruckt, zumal sie weiß, was sich der Autor mit seinem an Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" erinnernden Titel aufhalst. Der Band kommt zwar zunächst als Familienroman daher: Er erzählt die Geschichten des Mathematikprofessors Carl Jacob Candoris und des Schriftstellers Sebastian, Sohn des legendären Jazzgitarristen Georg Lukasser, der die Lebensbeichte Carls auf dessen Sterbebett notiert und gleichzeitig seine eigene Lebensgeschichte einflicht. Bald aber entpuppt "Abendland" sich als Epochenroman des 20. Jahrhunderts, der neben Knotenpunkten der Geschichte auch historisch verbürgte Figuren wie die Mathematikerin Emmy Noether oder den Physiker Robert Oppenheimer in die persönliche Geschichte seiner Figuren einbindet, erklärt die Rezensentin beeindruckt. Ohne seine Leser mit Wissen zuzuschütten, zeigt sich Köhlmeier dabei als kenntnisreicher und gewiefter Autor, der im geschickt inszenierten Stimmengewirr niemals eine Erzählspur vergisst, so Auffermann bewundernd. Ihr ist zudem positiv aufgefallen, dass der österreichische Autor nicht in bewährter Art in "Hasstiraden" verfällt, wenn es um religiöse Themen geht, sondern - wie im Fall der zum Katholizismus übergetretenen Jüdin Edith Stein - subtil anhand des tragischen Schicksals der 1998 heiliggesprochenen Nonne der Kirche ihr "Versagen" vorhält. Insgesamt ein risikobereiter, anregender Roman, wie man nicht oft einen zu lesen bekommt, lobt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.09.2007

Rezensent Franz Haas zollt diesem Roman von Michael Köhlmeier lobende Anerkennung, lässt aber auch Kritik anklingen. Bewunderung äußert er für die raffinierte Komposition und die erzählerische Souveränität des voluminösen Werks, das die fast gesamte Welt- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts aufarbeitet. Im Zentrum sieht er den 52-jährigen Schriftsteller Sebastian Lukasser, der seine eigene Bilanz zieht und das pralle Leben seines 95-jährigen Taufpaten und väterlichen Freundes erzählt, des Mathematikers Carl Candoris. Vor Haas' Augen entsteht ein "schillerndes Doppelporträt", das mit einer Unzahl von Nebenfiguren und verwickelten Nebenhandlungen fast hundert Jahre Zeitgeschichte Revue passieren lässt, deutscher Terrorismus und 11. September inklusive. Dass das Leben Candoris', der immer dabei war, wenn es in der Weltgeschichte hoch herging, als brillanter Spion, Jazzfan oder Mathematikprofessor, nicht immer realistisch anmutet, scheint Haas verzeihlich. Zumal er sich meist intelligent und gelehrt unterhalten fühlt. Allerdings hält er nicht alle Handlungsstränge und Figuren für gleichermaßen gelungen. Mitunter ist ihm das Werk zu überladen, teilweise zu unausgegoren und wirkt auf ihn, besonders im letzten Drittel, bisweilen ermüdend. Weniger wäre in seinen Augen da oft mehr gewesen.
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