Mary Kaldor

Neue und alte Kriege

Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung
Cover: Neue und alte Kriege
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518411315
Broschiert, 279 Seiten, 19,43 EUR

Klappentext

Mary Kaldors an zahlreichen Fallbeispielen belegte These lautet, dass sich seit dem Ende der achtziger Jahre in Osteuropa, auf dem Balkan, in Afrika und Südostasien ein neuer Typ von Krieg herausgebildet hat. In ihm zeigt sich die Schattenseite der Globalisierung. Dieser Prozess führt nicht nur zur starken Zunahme politischer und ökonomischer, den ganzen Erdball umfassender Beziehungen, sondern erzeugt auch Verlierer. Unter diesen werden die neuen Kriege ausgetragen. Die neuen Kriege entstehen in Situationen, in denen das staatliche Gewaltmonopol sich aufgelöst hat und in die Hände von paramilitärischen Organisationen übergegangen ist. Sie unterscheiden sich von den alten durch ihre Ziele, die Methode der Gewaltanwendung und die Finanzierung. Ihr Ziel besteht in dem, was Mary Kaldor "Politik der Identität" nennt: all jene zu attackieren, die nicht zur eigenen Nation, Religion, Sprachgemeinschaft oder zum eigenen Klan gehören.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2001

Wolfgang Sofsky kann sich für dieses Buch nicht wirklich erwärmen. Zwar kann er den Passagen, in denen die Autorin über die "politische Ökonomie der Kriege", also die Finanzierung der Kämpfer durch Regierungen, aber auch durch Erpressung, Schmuggel etc., durchaus etwas abgewinnen. Doch insgesamt stört den Rezensenten die "Mischung aus Globalisierungsideologie, humanitärem Engagement und Wunschdenken" der Autorin. So hält es Sofsky für fragwürdig, ob die Milizionäre tatsächlich immer politisch motiviert sind und tatsächlich den Frieden zum Ziel haben, zumal viele von ihnen vom Kriegführen leben. Ebenso wenig ist Sofsky mit Kaldors These einverstanden, dass Nationalismus immer durch eine Manipulation der Bevölkerung durch "abgehalfterte politische oder intellektuelle Eliten" zu erklären ist. Denn dabei lasse die Autorin vollkommen unberücksichtigt, dass - etwa auf dem Balkan - auch persönliche Erlebnisse und etwa Generationen überdauernde Rachegefühle eine große Rolle spielen. Kaldor träumt von einer "kosmopolitischen Eintracht", die etwa auf dem Balkan, im Kaukasus oder Westafrika "der Grundlage" entbehrt, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.01.2001

Katharina Rutschky bespricht gleich drei jüngst erschienene Bücher zum Thema Krieg und Frieden:
1) Werner Rösener (Hrsg.): "Staat und Krieg"
Frieden ist eine moderne Erfindung. Das ist erst Mal eine starke These, der aber in dem von Werner Rösener herausgegebenen Sammelband fundiert und anregend nachgegangen werde, meint die Rezensentin Katharina Rutschky. Besonders gut - wegen ihrer unmittelbaren, aktuellen Bezüge - haben ihr die Beiträge von Ernst-Dieter Hehl und Ute Planert gefallen. Aktuell seien sie deswegen, weil Hehl die Militanz der christlichen Kirche im 11. und 12. Jahrhundert der des Islam in der heutigen Zeit gegenüberstelle, und Planert anschaulich zeige, dass auch schon während der Befreiungs- und Revolutionskriege im 18. Jahrhundert in Süddeutschland großer Wert darauf gelegt wurde, das Grauen des Krieges vor der Bevölkerung zu verschweigen.
2) Ekkehart Krippendorff: "Kritik der Außenpolitik"
Die Ausführungen des Friedensforschers Ekkehart Krippendorff über außenpolitische Strategien und Handlungen haben Katharina Rutschky deutlich verärgert. Hier schreibe jemand, der - selbst niemals der Verantwortung ausgesetzt, politisch handeln zu müssen - vom hohen Ross herab weltverbessernde Predigten halte. Krippendorff macht es sich einfach, wenn er alles, was seinem humanitären Ansichten entgegenläuft, als "pervers", "pathologisch" oder "irrational" abstraft, schimpft die Rezensentin. Damit erreiche er gerade mal noch eine Restlinke, die sich nicht aufklären lassen, sondern in ihrer Rechthaberei gemütlich einrichten wolle.
3) Mary Kaldor: "Neue und alte Kriege"
Katharina Rutschky bewertet den Band von Mary Kaldor vollkommen positiv. Die Autorin schreibe vor einem praktischen Hintergrund, denn sie engagiere sich als Vorstandsmitglied in einer Bürgervereinigung für eine basisorientierte Umsetzung der Charta von Helsinki, erzählt die Rezensentin. Kaldors "gewitzte" und "gelehrte" Ausführungen zeugten nicht nur von einer fundierten theoretischen Kenntnis, sondern auch von einem moralischen Engagement, mit dem sie Wissenschaft, Moral und praktische Erfahrung unter einen Hut zu bringen suche. "Neue und alte Kriege" sei wegweisend und politisch vielversprechend. Die Rezensentin ist überzeugt, dass der Leser nach der Lektüre von Kaldors Buch die Entstehung von Kriegen und Konflikten und auch verschiedene Interventionsmöglichkeiten klarer und besser beurteilen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.12.2000

Der Rezensent Berthold Meyer, selbst Experte auf dem Gebiet der Friedens- und Konfliktforschung, findet die Analyse von Mary Kaldor über neue und alte Kriege im Zeitalter der Globalisierung sehr anregend. Die Erkenntnisse der Autorin basierten vornehmlich auf ihrer Funktion als eine der Vorsitzenden der Helsinki Citizens Assembly (HCA), in der sie in den neunziger Jahren viele Kriegsgebiete im Transkaukasus und auf dem Balkan bereist hatte. Die Konfliktforscherin beschreibt nach Meyer in ihrem Buch einen neuen Kriegstyp. Dieser sei gekennzeichnet von einer "Politik der Identität", in der weder Staatsinteressen noch Ideologien - beides Kennzeichen eines alten Kriegstyps - im Vordergrund stünden. Dieser neue Kriegstyp sei eine Reaktion auf den Globalisierungsdruck und den Zerfall von Staatsstrukturen. Meyer ist skeptisch, ob alle diese Faktoren als Kriterien für einen neuen Kriegstyp gelten. Kritik übt der Rezensent auch daran, dass Kaldor keinerlei Zweifel an der heftig umstrittenen Existenz des Operationsplans "Hufeisen" zu haben scheint, mit dem die Serben angeblich die Kosovaren vertreiben wollten. Ein interessantes Detail sieht er aber darin, dass Kaldor behauptet, alle westlichen Geheimdienste seien bereits im September 1998 über diesen Plan informiert gewesen, während das für den deutschen Geheimdienst nach den Ausführungen Rudolf Scharpings nicht zugetroffen habe. Kaldors Ausführungen brächten hier eine "neue Facette in das Rätsel" um die Existenz eines Vertreibungs- und Vernichtungsplans, der als hauptsächlicher Interventionsgrund der Nato angeführt werde.
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