Marie NDiaye

Die Rache ist mein

Roman
Cover: Die Rache ist mein
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021
ISBN 9783518430316
Gebunden, 236 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Maître Susane, 42, Anwältin in Bordeaux, erhält in ihrer Kanzlei Besuch von einem gewissen Gilles Principaux. Sie glaubt diesen Mann aus ihrer Jugend zu kennen: Da war eine Begegnung mit einem älteren, beeindruckenden Jungen aus reichem Elternhaus, die ihrem Leben eine ganz neue Richtung gab. Doch an das, was damals konkret geschah, erinnert sie sich kaum. Andeutungen ihres Vaters, der Junge könne ihr zu nahe gekommen sein, weist sie empört zurück. Principaux bittet sie, die Verteidigung seiner Frau zu übernehmen, die ein entsetzliches Verbrechen begangen hat: Marlyne Principaux hat ihre drei Kinder getötet. Maître Susane übernimmt den Fall - und stürzt ins Bodenlose. Was ist los mit dieser Mutter? Welche Rolle spielen in alldem Maître Susanes maurizische Hausangestellte und deren Kinder? Wer ist dieser Gilles Principaux wirklich? Und ist sie selbst überhaupt diejenige, die sie zu sein glaubt?

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.11.2021

Rezensentin Iris Radisch singt eine Hymne auf Marie NDiaye, ihr Werk im Allgemeinen und den neuen Roman im Besonderen. Einmal mehr bewundert die Kritikerin die sehr französische "Raffinesse", mit der die Autorin die Untiefen der Seele auslotet und zu den "archaischen Leidenschaften und Ekstasen" ihrer Figuren vordringt. Wenn NDiaye von Anwältin Susane erzählt, die eine Mutter vertritt, die ihre drei Kinder ertränkte, um von ihrem Mann loszukommen, und dabei feine Fäden zwischen den Figuren spinnt, spürt Radisch nicht zuletzt dank der Noir-Atmosphäre eine "wohlige Lesefolter". Und wie die Autorin die vielen Spuren, Irrungen und Wirrungen in sich "elegant auftürmende französische Satzperioden" packt, ringt ihr ohnehin größte Anerkennung ab. Nicht zuletzt verneigt sich die Kritikerin vor der Übersetzung von Claudia Kalsche.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.11.2021

Roman Bucheli bewundert die "empathische Kaltblütigkeit", mit der Marie NDiayes die albtraumhafte Realität ihrer  Figurennachzeichnet. Als "Spezialistin für den subtilen Schauerroman" erzähle die französische Autorin in "Die Rache ist mein" die Geschichte einer Strafverteidigerin, die eine dreifache Kindsmörderin vertreten soll und dabei mit ihrer eigenen Erinnerung an eine vermeintlich idyllische Kindheit konfrontiert wird. Bucheli entdeckt darin ein Motiv, das sich durch alle Werke der Autorin zieht: die bröckelnde Fassade eines aufgebauten Lebens, die zuvor verdeckte Risse hervorbringt. Besonders angetan ist der Rezensent von dem schillernden Facettenreichtum, mit dem NDiaye ihre Figuren zeichnet und zugleich zerschmettert, was sich aber, wie Bucheli warnt, zeitweise auf die Seelenlage der Lesenden übertrage. Diese brodelnde Psychologie stößt auf eine stilistische Nüchternheit, die kenntnisreich von Claudia Kalscheuer ins Deutsche übersetzt wurde, vermerkt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.10.2021

Rezensentin Maike Albath bewundert die Kunst von Marie Ndiaye, undurchsichtige Gefühle und Beziehungen zu gestalten, menschliche Gewalt auszuloten und dabei stets "geschliffen und elegant" zu schreiben. Dem steht auch der neue Roman in nichts nach, versichert die Kritikerin, die sofort in den Bann gezogen wird. Erzählt wird die Geschichte der Anwältin Maitre Susane, die eine Mutter vertritt, die ihre Kinder tötete und mit deren Mann Susane ein dunkles Geheimnis teilt. Zu den Hauptfiguren gehört auch Sharon, Susanes illegale Haushaltshilfe, mit der sie eine eigenartige Abhängigkeitsbeziehung verbindet. Vor allem aber ist es Ndiayes Gabe, Körperlichkeit zu beschreiben, die die Rezensentin immer wieder in Erstaunen versetzt. Ein Roman voller Szenen und Sätze, die nachhallen, schließt sie.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2021

Rezensentin Lena Bopp steigt mit Marie NDiayes neuem Roman in die Abgründe im Leben einer Anwältin, die ein Mandat mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Die Autorin bleibt sich laut Bopp treu, wenn sie sich in der Geschichte der Anwältin dem Fragwürdigen und dem Obsessiven zuwendet. Welche Rolle der Mandant im Leben der Protagonistin spielt bzw. spielte, lässt der Text laut Bopp offen und erzeugt so eine krimiartige Spannung. Wie die Autorin ein Netz aus Uneindeutigkeiten webt und ihr Personal sich darin verstricken lässt, scheint Bopp überzeugend.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 13.10.2021

Rezensent Jörg Plath scheint es zu genießen, wie Marie NDiaye sowohl ihrer Protagonistin als auch dem Leser den Boden der Gewissheiten unter den Füßen wegzieht. Die Geschichte einer von Selbstzweifeln geplagten Anwältin liest Plath auch als Aufstiegsgeschichte a la Eribon, nur dass die Autorin daraus eine "Krankengeschichte moderner Subjektivität" macht, wie er erläutert. Die Verlegung der Handlung ins Innere der Hauptfigur, erscheint Plath als raffinierter Kniff, der den Leser an den Zweifeln und Befürchtigungen der Figur unmittelbar teilhaben lässt. Dass die Autorin die Motive im Text zu einem wahren "Psychoirrgarten" verdichtet, findet Plath so virtuos wie beunruhigend.