Maria-Sibylla Lotter

Opfer

Über Verwundbarkeit als Selbstbild
Cover: Opfer
Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN 9783446282278
Gebunden, 288 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Was bedeutete es in der heutigen Gesellschaft, die Opferrolle zu erleben und Verwundbarkeit zu zeigen? Schwäche zu zeigen galt lange als Tabu. Heute kann, wer sich als Opfer sieht, mit Aufmerksamkeit und Empathie rechnen. Sieger und Helden taugen nicht mehr selbstverständlich als Vorbilder. Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter erklärt diesen Wandel mit der weiten Verbreitung psychotherapeutischen Denkens und den vielfältigen Formen der Erinnerung an die Opfer politischer Gewalt. Damit wird die Gesellschaft menschlicher, geht aber das Risiko ein, dass Menschen in der Opferrolle Handlungsfähigkeit und Autonomie einbüßen. Reden wir allzu schnell von Opfern? Müssen wir uns darin üben, Konflikte und Verletzungen als unvermeidliche Erfahrungen zu akzeptieren? Maria-Sibylla Lotter wirft einen kühlen Blick auf eine aufgeregte Debatte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2026

Rezensentin Helene Rösch bespricht in ihrer Doppelkritik zwei Bücher zu den "Pathologien der Spätmoderne". Lesenswerte Einblicke in eine auf Social Media verstärkt stattfindende "Empörungslogik", in der die Begriffe/Konzepte von 'Opfer' und 'Trauma' Hochkonjunktur erfahren, bekommt sie im Buch von Maria-Sibylla Lotter (Titel: "Opfer"). Die Philosophin wählt darin den Antisemitismus-Skandal um Gil Ofarim als Aufhänger, um kritisch auf eine "Aufblähung" solcher Begriffe zu sprechen zu kommen: Während etwa 'Trauma' bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch ein physisches Leiden bezeichnete, wurde es nach dem Krieg auf psychische Zustände ausgeweitet und wird mittlerweile auch für Marginalitäten missbraucht, so die Autorin. Das könne zu einer "Pathologisierung normaler Erfahrungen" führen, wie sie unter Bezugnahme auf die Theorie von Nick Haslam darlegt. Diese kritische Perspektive auf therapeutische Sprache findet Röhnsch sinnvoll und inhaltlich tiefgehend dargestellt, aber manchmal bleibt für sie Lotters Analyse hinter dem eigenen "Ambiguitätsanspruch" zurück.

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