Seit der Aufklärung werden Erfahrungen des Leidens nicht mehr als gottgewollt und unabänderlich betrachtet. Das mit Ungleichheit, Armut oder Gewalt verbundene Leid gilt von nun an als überwindbar. Die Befreiung aus dem Elend wird zu einem emanzipatorischen politischen Projekt. Gleichzeitig hat die Politisierung des Leidens, die konstitutiv für die Moderne ist, aber auch eine Schattenseite: Weil die Position des Opfers mediale Aufmerksamkeit und verbürgte Authentizität verspricht, wird sie politisch instrumentalisierbar. Affektiv aufgeladene Opfernarrative, die sich mitunter an Feindbildern abarbeiten, dienen nicht nur sozialen, sondern auch autoritären Bewegungen als Begründung für ihr politisches Handeln. Daniel Burghardt ordnet aktuelle Debatten um soziale Ungleichheit und einen neuen Autoritarismus historisch wie theoretisch ein und schärft den kritischen Blick auf Leidenserfahrungen des (spät-)modernen Menschen.
Eine klarsichtige Gegenwartsanalyse legt Daniel Burghardt laut Rezensent Martin Mettin vor. Und zwar eine, die, rekonstruiert Mettin die Argumentation, auf einer historischen Analyse basiert, die bis zur Krise der Aufklärung nach dem Lissaboner Erdbeben zurück reicht und aufzeigt, dass dem Leid an sich noch kein emanzipatives Potenzial innewohnt. Stattdessen lenken etwa die Hamas und ihre Unterstützer in Intellektuellenkreisen von Unmenschlichkeit ab, so Mettin mit dem Erziehungswissenschaftler Burghardt, der vielmehr dafür plädiert, sich auf Marx zu beziehen, allerdings den Ursprung der ökonomischen Ungleichheit weniger am Arbeitsplatz als im Schulsystem verortet. Jedenfalls gilt es, lernt Mettin, trotz der Verlagerung von Ungleichheit in den globalen Süden und der Verinnerlichung kapitalistischer Zwänge durch die Menschen, am Ideal kollektiven Handelns festzuhalten.
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