Essen-Katernberg, Mitte der zehner Jahre: Marthe studiert an der Akademie für Visuelle Kunst und Grafisches Erzählen und wohnt mit drei Kommiliton:innen in einer WG, die auch Sitz des studentischen Verlags Bolsterbaumhaus ist. Sie zeichnet autobiografische Tiercomics, hasst Donald Trump, hat Sex mit Kurt, kommt mit Oleg zusammen und verkauft pornografische Bibelcomics auf dem Wochenmarkt. Außerdem betreut sie den Kreuzfahrt-Comic "Combo" der Künstlerin Amadea, der nach chaotischer Vorarbeit im Bolsterbaumhaus Verlag erscheint. Wenige Monate später kommt heraus, dass der 16-jährige Zeichner Urs Mærzwald in seiner gehypten Debüt- und Bestseller-Graphic-Novel "Onesie Canyon" aus "Combo" abgezeichnet hat. Während das Bolsterbaumhaus in den Fokus einer überhitzten öffentlichen Debatte über den Plagiatsfall gerät, finden hinter dem Vorhang existenzielle Kämpfe statt, die Marthe und ihre Freund:innen in den Grundfesten erschüttern. In einer temporeichen, süchtig machenden Sprache erzählt Marc Degens vom Siegeszug der Graphic Novels und von den Höhen und Tiefen der DIY-Kunst.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2025
Für Rezensent Oliver Jungen hält Marc Degens' Roman erst Begeisterung, dann Enttäuschung bereit. Dabei geht es so gut los: mit einem herrlich "enthusiastisch" und authentisch geschriebenen Studentenleben im Ruhrgebiet Mitte der Zehner Jahre, wo die junge Marthe an einer fiktiven Comic-Akademie studiert und sich nebenbei im Selfmade-WG-Verlag Bolsterbaumhaus kreativ austobt, unter anderem als Zeichnerin sogenannter "Pornobibeln". Wie der Autor, selbst Mitgründer des Independent-Verlags Sukultur, auf diese Weise das Comic-Genre und kreatives Schaffen feiert, findet der Kritiker erfrischend und unterhaltsam - bis dann in der zweiten Buchhälfte ein viel angestrengteres Aufrollen des realen Plagiatsfalls um den Comic "Strobo" (Airen, erschienen bei Sukultur) und den Roman "Axolotl Roadkill" (Helene Hegemann) das Ruder übernimmt: das gesamte, für den Kritiker an sich schon sehr selbstbespiegelnde Feuilleton-Archiv zum Fall werde "ausgekippt" und "akribisch aufs Comicfach umgeschrieben"; lang und breit gehe es auch um juristische Streitigkeiten und Zerwürfnisse zwischen den Verlagen. Das gerät laut Jungen bei aller "Schlüsselloch"-Neugier fast nur noch fad und "verklausuliert" - sehr schade bei einem so tollen Anfang, bedauert er.
Rezensent Enno Stahl hat viel Spaß bei der Lektüre des neuen Comic-Romans des deutschen Autoren und Journalisten. Die Zeichnerin und Ich-Erzählerin Marthe beginnt ein Comic-Studium an einer Essener-Hochschule und zieht in eine ebenso comicbegeisterte WG namens Bolsterbaumhaus, die unter diesem Namen gleichzeitig auch einen Kleinverlag betreibt. Die MitbewohnerInnen wie auch alle anderen Nebenfiguren bleiben in popliterarisch amüsanter Manier bewusst oberflächlich und werden oft nur über ihre Kleidung charakterisiert, lesen wir. Der Rezensent hört den Figuren genauso oft dabei zu, wie sie in leidenschaftlichen Gesprächen über ihr Lieblingsmedium diskutieren. Da sei viel Interessantes dabei, jedoch verlieren sich diese Diskussionen manchmal auch in ermüdende Expertennischen, meint Stahl. Entgegen der locker erzählten Studiumsbohemè, die laut Stahl den ersten Teil des Textes ausmacht, kommen Konflikte in der zweiten Hälfte auf, wenn in der Publikation eines Großverlags das Plagiat einer Zeichnerin des Bolsterbaumhauses entdeckt wird. Unmöglich auch für Stahl diese kluge Wendung nicht als Anspielung auf den vergangenen Plagiatskonflikt zwischen Degens' eigenem Kleinverlag und Helene Hegemann zu lesen.
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