Kann es eine "Theorie historischer Zeiten" (Fernand Braudel und Reinhart Koselleck) geben? Mit seinem Baukasten der Zeitfiguren versucht Lucian Hölscher eine Antwort.Die Zeit verläuft in der Geschichte nicht einfach von früher nach später, sondern in Figuren: bald als Fortschritt, bald als Epochensprung, bald geschichtet nach unterschiedlichen Geschwindigkeiten. In den Zeitgärten der Geschichtsschreibung ordnen sich die Zeitfiguren der Geschichte zu Ornamenten und Abteilungen. Es ist die Leere der Zeit, die diesen Formenreichtum des Lebens ermöglicht und steuert. In ihr findet die Vielfalt der Zeiten, die das geschichtliche Leben hervorbringt, ihren gemeinsamen Grund. Nach einer Darstellung der temporalen Grundbausteine historischer Erzählungen werden prominente historische Werke porträtiert. Schließlich werden die Zeitfiguren gesammelt und systematisch entfaltet, bevor abschließend die Frage nach dem Raum, in dem sich die historischen Zeitfiguren begegnen, und nach dem Charakter der "Leere" erörtert werden, der die historische Zeit als universalistisches Konzept kennzeichnet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2020
Thomas Thiel folgt Lucian Hölscher in seinem Versuch, aus zwanzig "klassischen Geschichtswerken" von Schiller bis Steinmetz "Zeitfiguren", wie den Fortschritt oder den großen Augenblick, herauszupräparieren. Dass der Autor nicht wie Koselleck auf Verdichtung der Figuren zielt, sondern stattdessen eine philosophische Reflexion auf die Verbindung von Raum und Zeit liefert, findet Thiel anregend, da gekoppelt an die Idee der Zeitlosigkeit in der Geschichte. Dass die "diachrone Dimension des Historischen" im System nicht aufgeht, ist für Thiel eine Erkenntnis der Lektüre. Anregend für Historiker wie für Laien, urteilt der Rezensent.
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