Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.04.2004
Karl-Markus Gauß stellt in einer Doppelrezension zweier Bücher von und über Leopold von Andrian diesen österreichischen Schriftsteller eingehend vor, der ein "Schlüsselwerk des fin de siecle" geschrieben hat und dem, wie Gauß schreibt, ein "Ehrenplatz" in einer noch zu schreibenden "Literaturgeschichte des Scheiterns" zusteht. Die Erzählung "Der Garten der Erkenntnis" des 20-jährigen Andrian, in dem es um eine unglückliche Jugend eines Adligen im Internat und um seine als "schuldhaft" erlebte Homosexualität geht, war schon zu seiner Entstehungszeit gleichzeitig "verstaubt und modern", meint der Rezensent. Während die Handlung eher etwas "akademisch" anmutet, sind die Erfahrungen des Protagonisten von den "krisenhaften" Veränderungen der Moderne bestimmt, so Gauß, der meint, dass diese Erzählung auch heute noch Leser erreicht, die sich bereitwillig auf "nach innen gewandte lyrische Prosa" einlassen. Dass Andrian ansonsten außer zwei Texten über Österreich nichts mehr publiziert hat und sein lebenslang geplantes Opus magnum nicht zustande kam, lag nicht zuletzt an Andrians Konflikt, "Kunst und Leben" zu vereinbaren und an seiner Homosexualität, die er mit seiner reaktionären Religiosität nicht vereinbaren konnte, so der Rezensent mitfühlend.
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