Katja Lange-Müller

Die Letzten

Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei
Cover: Die Letzten
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2000
ISBN 9783462029291
Gebunden, 135 Seiten, 14,32 EUR

Klappentext

Eine Frau und drei Männer am Rande der Gesellschaft, tickende Zeitbomben in Menschengestalt, bilden die Belegschaft von Udo Posbichs privater Druckerei im Ostberlin der 70er Jahre: Die ewig liebeskranke Püppi, die als linkshändige Setzerin vollständig neben der Spur fährt und ihre Sehnsucht nach Glück schließlich auf eine Topfpflanze projiziert, ein schizophrener Drucker mit reichlich düsterer Vergangenheit, dessen Gesprächspartner Geräte und Maschinen sind, oder ein Kollege, in dessen Lende einst sein parasitärer Zwillingsbruder steckte... Katja Lange-Müller erzählt eine Geschichte vom Ende - vom Ende eines Berufsstandes und einer Technologie, vom Ende der Schrift und einer sozialen Klasse. Und schließlich wird es die Geschichte einer sagenhaften subversiven Aktion, die hier auf keinen Fall verraten werden darf...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2001

Katja Lange-Müllers kleiner Roman, für Martin Halter eher eine lose Sammlung von Episoden und Anekdoten, vermittelt mehr als nur eine versteckte Autobiografie der Verfasserin: Auch wenn zahlreiche Parallelen zum Leben der DDR-Schriftstellerin diese Vermutung nahelegen, der Rezensent denkt, dass hier eine ganze Gruppe von ostdeutschen "Hinterzimmerpflanzen" porträtiert werde, die im ordentlichen und spießigen sozialistischen Einheitsstaat keinen Platz hatten. Mit zärtlicher Heiterkeit, leiser Melancholie und sanfter Schnoddrigkeit beschreibe Lange-Müller Strategien der stillen Verweigerung gegen den DDR-Alltag und propagiere das Recht auf individuelle Lebensläufe, so der Rezensent. Es gab sie, schreibt Halter, die Menschen, die Enklaven und Nischen in der bröckelnden Mauer suchten, um sich dort gleich den eigenwilligen, aber unscheinbaren Figuren in Lange-Müllers Roman als Mauerblümchen und Stiefmütterchen anzusiedeln. Im Westen wären diese Schattengewächse vermutlich verkümmert, mutmaßt Halter.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2001

Für den ersten Satz des Romans würde Katharina Döbler gerne einen Preis ausloben. Im Grunde genommen aber gefällt ihr das ganze Buch über die Maßen gut, wenn "gehobenes Klappstullenprinzip" als Charakterisierung seiner Funktionsweise vielleicht auch nicht so richtig Lust macht. Aber Understatement ist ja auch im Spiel, wenn die Autorin sich einer Sprache bedient, die "außen ganz Handlichkeit und schlichte Volksnahrung, innen aber raffiniert und ergötzlich" ist, wie die Rezensentin weiß. Oder, so Döbler weiter, die Geschichten wirken allem billigen Interieur, aller Topfpflanzen und der vorherrschen Tristesse zum Trotz wie Reiseberichte "durch eine neurotisch und psychotisch hypertrophierende Wildnis". Am Ende, warnt uns Döbler, erfasst einen noch die Leidenschaft: für Topfpflanzen und Baumaschinen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.01.2001

Ein heterogener Text, schreibt Cristina Nord über den ersten Roman der in Ostberlin geborenen Erzählerin. Schauplatz: ein privater Druckereibetrieb im Ostberlin der 70er Jahre. Ein Text, der sich aus verschiedenen Teil- und Binnenerzählungen zusammensetze, die bald "lose verwoben" bald aufwändig verschachtelt" seien. Besonders gelobt wird "die Kunst des langes Satzes". Die Helden des Buches, erfährt man, seien "aus dem sozialistischen Gang der Dinge gefallene" Leute, die wir dann kurz kennenlernen: eine verschrobene Schar, wie es scheint, zu der auch ein Setzer namens Willi gehört. Der habe, wie Nord schreibt, ein "schwerwiegendes Geheimnis", das der Roman nur andeutungsweise offenbare. Was Nord dann über eine Entdeckung im "Weißraum zwischen den Zeilen" schreibt, klingt doch arg symbolisch überfrachtet. Aber bevor man die Sache näher beleuchten kann, ist der Setzer auch schon Richtung Zentralasien geflohen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Heinz Ludwig Arnold zeigt sich sehr angetan von dem Buch, das von vier Menschen in einer kleinen Druckerei in der DDR der siebziger Jahre handelt und sieht darin ein "skurriles Panorama einer fast anarchischen Enklave" geschildert. In den kuriosen Lebensgeschichten der Protagonisten fühlt er sich an Adolf Endler erinnert, denn ohne dass je von Politik gesprochen werde, sei es auch ein "Abgesang" auf die DDR. Besonders eingenommen wird der Rezensent durch die Sympathie, die die Autorin für ihre Figuren zeigt, das sei das "Salz in der Suppe" dieser Erzählung, lobt er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Reines Lob hält Jörg Plath für Katja Lange-Müllers Nischen-Roman aus der Arbeiter-Bohème des Bauernstaats bereit. Die Geschichte von vier Setzern einer kleinen Ost-Berliner Druckerei zu DDR-Zeiten und ihre ungewöhnliche Auflösung 20 Jahre später sei eine `rotzige Elegie` über Außenseiter, die vom `Episodischen ins Epische` hinüberspiele. Der Roman Lange-Müllers, die selbst 1984 in den Westen ausreiste, sei ein Abschied vom Prenzlauer-Berg-Milieu mit seiner von der Stasi kontrollierten Produktion subversiver Literatur. Plath erwähnt die biografischen Parallelen zu Lange-Müllers Arbeit als Setzerin und ihre Verwurzelung in der Dissidentenszene. Er preist sie als `unverbildete Erzählerin`, die in einem `frischen Ton` aus dem Mikrokosmos dieses Milieus berichtet. Dennoch enthüllt sie ohne Pathos das systemstabilisierende Verhalten dieser Art von Subversion, schreibt Plath anerkennend.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Auch Katja Lange-Müllers `Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei` so stellt Verena Auffermann fest, sind nicht das, was nun seit mehr als zehn Jahren in regelmäßigen Abständen von der Literaturkritik eingeklagt wird: der DDR-Roman, die literarische Aufarbeitung des Gesamtphänomens `DDR` und nicht nur eines Teilaspekts. Auch wenn die Autorin dieser Erwartungshaltung nicht genügt, so ist das schmale Bändchen für die Rezensentin dennoch eine lohnende Lektüre. Die sprachliche Kunstfertigkeit der Autorin, ihr Talent zu `rauen und deftigen Bildern von eindringlicher Schönheit` und zur szenischen Darstellung, durch die `hoffnungslose Bilder ohne Schnörkel` entstehen, ihre Fähigkeit, `einen schrillen und absurden Ton in die realistischen Erzählungen aus einem irrealen Staat` zu bringen, all das trägt für Auffermann dazu bei, dass der Leser sich ein deutliches Bild vom Leben in der DDR machen kann. Darüber hinaus liest die Rezensentin das Buch als `eine Liebeserklärung an die Literatur`. Warum? Sie ist in der Fabel des Buches der einzige Hort einer relativen Freiheit innerhalb eines totalitären Systems.
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