Kathrin Röggla

wir schlafen nicht

Roman
Cover: wir schlafen nicht
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783100660558
Gebunden, 208 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Sie schlafen nicht. Ob sie als Unternehmensberater, Online-Redakteure oder als Key Account Manager arbeiten: Sie schlafen nicht. Denn es geht um Organisation, um Content, um Kommunikation, vor allem aber um die eigene Identität. Sie sind auf einer Messe. Immer dabei: eine Frau, die sie befragt, über ihr Leben mit der Droge Arbeit, über Hierarchien, Erfolg und Privatleben. Sie erzählen von unserer Arbeitswelt - von Identifikation, Konkurrenz und Pleiten. Ein außergewöhnlicher Roman, der einen genauen Blick auf das Berufsleben wagt. Ein schillerndes Porträt unserer Gesellschaft und der Menschen, die unsere Gegenwart gestalten - einzigartig in der deutschen Literatur.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.08.2004

"Literarische Frühaufsteher" sind politische Langschläfer. Kathrin Röggla war da bislang die Ausnahme, meint Rezensent Stephan Schlak. Doch mit "wir schlafen nicht", ihrem "atmosphärisch vielstimmigen Bericht aus der zugerichteten neuen Arbeitswelt" begebe sie sich nun doch unter die Langschläfer. Denn trotz der "fremden und entfremdeten Stimmen" aus der Welt der New Economy, denen die Entfremdung aus dem Munde spricht, wenn sie von sich in der dritten Person reden, schreibt Röggla hier bei weitem nicht mehr "vollsynchron mit der Gegenwart" (wie sie ihr "Schreibethos" formuliert), stammt doch diese Bewusstseins-Welt eher aus den lang vergangenen neunziger Jahren. Natürlich, so Schlak, zeigt sie sich wieder "so sprachlich gewitzt, kreativ und originell" wie kaum eine junge Autorin. Doch: "So fremd sind Rögglas Erzähltechniken den modernen Markttechniken nicht" - mit den "flachen Hierarchien" der episodenhaften und turbohaften Erzählung, aus der alles "psychologische Prunkwerk" einfach "wegrationalisiert" ist. Somit ist das Unbehagen am Ende des Romans eher "literarisch", und der Rezensent überlegt, ob es nicht vielleicht "der alte Formenreichtum literarischer Schönheit" ist, der noch immer als "das wirksamste Antidot gegen beschleunigte Marktgesetze" gelten kann.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.05.2004

Der Rezensent Paul Jandl zeigt sich beeindruckt von dem Projekt, das die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla mit ihrem neuen Roman verfolgt hat. Ausschnitte aus insgesamt 24 Gesprächsprotokollen mit Menschen aus "den Zentralen des aufgeputschten Wirtschaftslebens" hat sie dramaturgisch geschickt in indirekte Rede gesetzt. "Der ästhetische Aufwand, der die Interviews verfremdet, baut höchst subtil auch jene Handlungsstränge auf, mit denen 'wir schlafen nicht' letztlich doch zum Roman wird." Trotz der Thematik und dem authentisches Fundament, den Interviews, ist mit dem Buch keine "soziologische Studie" und auch kein "blanker Realismus" entstanden: Ihre Bücher "nehmen der Wirklichkeit noch im Anschein der Authentizität die Chance, durch Fakten zu triumphieren", denn sie haben einen ganz eigenen Sound, der "das Gerede der New Economy als Pop-Phänomen darstellt". Dabei sind sie ebenso "smart wie ästhetisch avanciert". Das kann den Rezensenten an manchen Stellen zwar auch nerven, doch für Jandl überwiegt der positive Eindruck. Er nennt das Buch "eine bravouröse Studie prägender Befindlichkeiten".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2004

Sprachlich interessant, aber leider ohne Erkenntnisgewinn, so lässt sich das Resüme von Holger Noltzes Rezension ziehen. Er hat Kathrin Röggla wohlwollend dabei beobachtet, wie sie "zwischen den je eigenen Persönlichkeitsversteinerungen der schlaflosen Funktionierer" herumklettert, einsammelt und anschließend überspitzt wiedergibt, was sie an Funden sprachlicher und damit seelischer Deformation zusammengetragen hat. Ihr Roman sei deshalb in erster Linie ein "Jargonprotokoll, ein Originaltonhörspiel zum Lesen: So reden sie, so denken sie, der Chef und die Praktikantin, der Senior Associate und die Key-Account-Managerin." Und allesamt sind sie kaputt und innerlich zerrüttet. Aber haben wir uns das alles nicht schon vorher gedacht? fragt sich Noltze und bemängelt die immergleiche "Dramaturgie der bröckelnden Fassaden". Und so fällt sein Urteil trotz einer guten erzählerischen Idee im hinteren Teil des Buches insgesamt negativ aus: "Rögglas Romangespenster bleiben auf die Länge allzu geheimnislos."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.03.2004

Dass sie eine "Wahrnehmungsartistin" ist, beweist Kathrin Röggla in ihrem zweiten Roman aufs Neue, schreibt Kathrin Hillgruber in ihrer Besprechung. Und Röggla kennt kein Pardon. Warum sonst würde sie ihre Geschichte gerade in dem ausgemachten BWLer-Sumpf einer Messehalle spielen lassen? Sechs Personen auf diesem "Messegelände außerhalb von Raum und Zeit" lerne der Leser kennen, sechs Personen, die allesamt ihre Sprache dem "Primat der Marktwirtschaft" unterworfen haben. Darum auch der Titel "wir schlafen nicht", so die Rezensentin, denn mit hysterischer Zwanghaftigkeit werde hier darum gerungen, nicht die leiseste Bewegung der Konkurrenz zu verschlafen, werde hier "der Veitstanz der chronisch Überforderten" getanzt und ein "niederschmetterndes Deutschlandbild" gezeichnet. Gerade ab der zweiten Hälfte entfaltet sich in den Augen der Rezensentin eine künstlerische Ganzheit, die über die bis dahin teilweise anstrengenden "O-Töne" und den konjunktivischen "Schleier des Indirekten" hinausweist. Ihr Fazit: "Geduld bringt Rosen."
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