Julian Barnes

Tour de France

Essays
Cover: Tour de France
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2003
ISBN 9783462033052
Gebunden, 325 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Ob Charme oder Chanson, Kunst oder Küche, französische Lebensart oder Literatur - Julian Barnes weiß fast alles über Frankreich. Er ist schon als Junge mit seinen Eltern als Tourist nach Frankreich gereist. Auf den Fahrten im Familienwagen durch die Provinz nahm er das Land auf der anderen Seite des Kanals jedoch anfangs mit der Überheblichkeit des typischen Inselbewohners wahr - eigenartig schmeckender Käse, blutiges Fleisch, undefinierbare Soßen, bitterer Kaffee und viele Kathedralen. Doch dieser hartgesottene junge Brite kann letztlich dem Zauber der französischen Zivilisation nicht widerstehen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.04.2004

Nur zwei Texte lässt Frank Schuster in diesem Essayband des für seine Frankophilie bekannten englischen Schriftstellers Julian Barnes gelten: den titelgebenden über die "Tour de France", wo er "gekonnt E- und U-Kultur mixt", wie Schuster schreibt, sowie den Essay über Flauberts Arbeitsnotizen, in dem man "Flauberts Papagei" wiederbegegnen kann (so lautet der Titel eines früheren Buches von Barnes) und wo Barnes - ausnahmsweise - sein erzählerisches Talent und seinen Humor walten lasse. Ansonsten staunt Schuster, mit welch altmodischen Methoden Barnes seine literarischen Erkundungen bewerkstelligt: mittels eines "extremen Biografismus" und eines "unerschütterlichen Genieglaubens", klagt Schuster. Insgesamt bescheinigt Schuster dem Frankreichreisenden und - kundigen Barnes eine mythologisch vereinfachende Sicht des Landes. Da hätte Barnes doch vielleicht mehr Barthes lesen sollen, spottet Schuster, der sich überhaupt wundert, wie Barnes alle französischen Schulen und Denkrichtungen beharrlich ignoriert und stattdessen seine Lieblingsschriftsteller brav und unoriginell zu Säulenheiligen erklärt. So hält sich der Kenntnisgewinn des Lesers letztlich doch gering, warnt der Rezensent. Also nur für Tour de France-Fans ein Muss!

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.01.2004

Von Geburt an hat Julian Barnes mit Frankreich zu tun gehabt, berichtet Stefana Sabin und zählt auf: weil seine Eltern Französischlehrer waren, weil er später selbst Französisch studiert und in Frankreich unterrichtet hat, weil er Frankreich zu einem literarischen Topos und seiner intellektuellen Heimat erklärt hat. Der vorliegende Band versammelt Rezensionen und Essays, die Barnes in den vergangenen 20 Jahren über die französische Alltagskultur und Literatur geschrieben hat, erklärt die Rezensentin, die Hälfte wiederum befasse sich mit Barnes' Lieblingsschriftsteller Flaubert. Diese Artikel seien weder Rezensionen noch wirkliche Essays, meint Sabin, sondern gehörten zu einer Zwischengattung, die sich einen schwärmerischen und gleichfalls aufklärerischen Ton gestatte. Seine Begeisterung für Flaubert und den französischen Roman des 19. Jahrhunderts nehme man Barnes durchaus ab, so Sabin, wendet aber ein, dass sich Barnes zu sehr an ein anglophones Publikum richte und sein bildungsbürgerliches Wissen recht brav unter die Leute bringe, ohne diesen Rahmen zu überschreiten. Ihr Resümee: Barnes' Begeisterung steckt nicht an.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.12.2003

Julian Barnes' Essaysammlung "Tour de France" hat bei Rezensent Marco Stahlhut einen leicht zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Er hält dem Buch einerseits vor, voll von Klischees und ein Selbstplagiat zu sein, andererseits fühlt er sich davon "geistreich unterhalten". Vor allem, wenn Barnes über Flaubert plaudert. Als "Amateur und Liebhaber", aber auch als "detailkundigen Experten" würdigt er Barnes dann. So stelle Barnes den Briefwechsel zwischen Flaubert und George Sand oder Flaubert und Turgenjew nicht einfach vor. Ihm gelinge es, "die Korrespondenz zu einem kleinen Porträt der Beteiligten zu verdichten", lobt Stahlhut. Barnes' Essays über den französischen Chanson, den französischen Film (natürlich Godard und Truffaut) sowie die Tour de France haben es Stahlhut weniger angetan. Er empfindet diesen "nicht gerade kleinen Themenpark" in einem Frankreichbuch gar als eine "ausgesuchte Abgeschmacktheit", als "idée reçue Frankreichs gewissermaßen". Nichtsdestoweniger hat er Barnes einfach gern. Denn, so schließt der Rezensent versöhnlich: "Es gibt schlechtere Arten, düstere Winternachmittage zu verbringen, als sie mit einem klugen Herrn mittleren Alters zu verplaudern."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003

Julian Barnes ist ein völlig überschätzter Autor - diese Auffassung vertritt Rezensent Günter Ohnemus vehement und holt sich Schützenhilfe bei einem anderen Autor, nämlich James Wood, der über Barnes geschrieben habe, er biete seinen Lesern "intellektuelles Kuscheln", nicht etwa im Dunkeln, sondern bei Tageslicht. Doch auch ohne Wood hat Ohnemus so einiges an Barnes' neuem Buch auszusetzen, das der Verlag als Frankreich-Buch anpreist. Dafür kann Barnes nichts, weiß auch Ohnemus, der bei Barnes einzig dessen Expertentum in Sachen Flaubert anerkennt, über den Barnes im vorliegenden Buch auch lang und breit (etwa die Hälfte des Buches füllend) schreibt, wobei auch hierbei Ohnemus die Flaubert-Zitate besser gefallen als die Anmerkungen des Autors. Das liegt daran, stöhnt Ohnemus, dass Barnes nichts riskiert, und, hier wird nun wieder Wood zitiert, weil er ständig bloß so tut, als würde er etwas entdecken oder lösen. Völlig verscherzt hat es sich Barnes beim Rezensenten mit der Bemerkung, dass Flaubert zwar heutzutage bestimmt Filme drehen würde, aber dann wohl kaum "Madame Bovary" geschrieben hätte. Gerade eben, wütet der Rezensent. Jemand wie Flaubert sei eben zu produktivem Verrat in der Lage, ganz im Gegensatz zum Autor Barnes, der dieses Kapitel unter die Überschrift "Treuer Verrat" gestellt habe.
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