Jürgen von der Wense

Von Aas bis Zylinder

Werke. Zwei Bände und ein Begleitband
Zweitausendeins Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783861506362
Gebunden, 1716 Seiten, 59,90 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Rainer Niehoff und Valeska Bertoncini. Kann es sein, dass es neben dem eingefahrenen Literatur- und Kulturbetrieb, in dem wir uns so sicher bewegen, eine Art Paralleluniversum gibt, mit Texten voller Wunder, neben denen alles verblasst, das wir kennen und für bedeutend halten? Hans Jürgen von der Wense war davon überzeugt: "Ich beschwöre Sie, es für möglich zu halten, dass alles, was wir als Weltliteratur' kennen, eine ganze vorläufige Trostlosigkeit ist, die großen Dinge sind noch überall geheim und Schätze", schrieb er an seinen Freund, den Komponisten Ernst Krenek. Wense lernte nach eigenen Angaben 47 Sprachen und vertiefte sich 14 Stunden täglich in die Epen der Kalmücken und Südsee-Bewohner, Sprichwörter aus Kairo, Märchen aus Kamerun und Mythen aus Brasilien, in denen er mehr Tiefe und Größe erkannte als in den kanonisierten Werken der Kultur.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2007

Vorzüglich zusammengestellt sind die beiden Auswahlbände des sammelwütigen und "illuminierten Verzettelungskünstlers" Jürgen von der Wense, der mit seinem "phantasmagorischen Projekt" nichts weniger wollte, als die "erlesensten Stücke" des Wissens von Aas bis Zylinder zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, so die Rezensenten Gabriele Killert und Richard Schroetter. Den Herausgebern Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini könne gar nicht genug gedankt werden für ihre jahrlange Sisyphosarbeit in diesem "gigantischen Steinbruch", den von der Wense in der Nachkriegszeit in der Göttinger Bibliothek unermüdlich zusammengetragen und auf tausenden von eng beschriebenen Blättern hinterlassen hat. Von Wenses "All-Buch" wie er es nannte, stellt den aberwitzigen Versuch dar, eine Inventur der Schöpfung vorzunehmen, in der von Heraklit über die Wetterkunde, von den Amazonasindianern bis zu Wilhelm Raabes Stopfkuchen zur Feier der Menschen alles seinen Platz finden konnte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.04.2006

Mit einem Feuerwerk an Superlativen und Neologismen feiert Rezensent Ulrich Holbein den "polyphonsten aller Kosmopoliten". 60000 Nachlassseiten habe der Privatgelehrte Jürgen von der Wense hinterlassen, referiert der Rezensent, und doch nie die Zeit oder Konzentration für eine Publikation gefunden. Die 1500 Briefe "von Aas bis Zylinder", die der "dauer-erleuchtete" Universalgelehrte so ganz nebenbei "hingeträllert" habe, entpuppten sich nun unverhofft als sein "wundersam unauslotbares Hauptwerk". In seiner zweiten Lebenshälfte habe sich von der Wense nicht nur den Nazi-Erfassungsgesetzen durch "Herumwandern" entzogen, bei seinen 42000 zurückgelegten Kilometern habe er auch nicht versäumt, sich als Ethnologe, Geognost, Meteorologe und vieles andere zu betätigen. Um diese umfassende "Vermessung der Welt" anschaulich zu machen, erwähnt der Rezensent auch noch die sieben Weihnachtsstollen, die von der Wense keineswegs zu unbedeutend für eine genauere Untersuchung waren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.03.2006

Andreas Langenbacher kommt aus dem Schwärmen über dieses Buch gar nicht mehr heraus. "Mustergültig" nennt er zunächst die Edition, die 800 Briefe aus dem üppigen Nachlass von Hans Jürgen von der Wense versammelt. Sehr sinnvoll findet Langenbacher auch, dass die Auswahl nach Stichworten geordnet und mit zahlreichen Querverweisen versehen ist, was deutlich mache, wie "hypertroph und Hypertext-artig der "große Außenseiter" der deutschen Literatur schon in den sechziger Jahre gedacht hat. Als Wense 1966 völlig unbekannt starb, ruft Langenbacher in Erinnerung, fand man in seiner Dachkammer "rund 40.000 meist beidseitig beschriebenen Blättern, säuberlich nach Themen in Hunderten von Mappen abgelegt, unzählige Tagebücher, geografische Messtischblätter mit landeskundlichen Notaten, musikalische Kompositionen und Tausende wunderbar unscharfer Fotografien". Langenbacher sieht daher in Wenses Notaten nicht nur eine "pantheistische Schreibsucht und analytische Ordnungswut, sondern gar eine "weltumspannenden Ästhetik des Diversen", die ihn rundum beglückt hat.