Die letzten Ähren, die nach der Ernte noch übrig waren, wurden bei der sogenannten Nachlese von denjenigen aufgesammelt, die über keinen Besitz verfügten. Dieser vormoderne Gewohnheitsbrauch stiftet Judith Kasper zu einer Spurensuche in der sie sammelt und zusammenfügt, was andere haben fallen lassen: Die alttestamentarische Geschichte Ruts wird zum Anlass einer etymologischen Suche nach der Bedeutung des Wortes "leer". Aus der harschen Verurteilung des Gewohnheitsrechts des Holzraffens nach der Französischen Revolution entwickelt sie eine Lektüre eines bisher kaum besprochenen Kommentars von Karl Marx. Anhand von Balzacs unvollendetem Roman "Die Bauern" zeichnet Judith Kasper die Parzellierung der Landwirtschaft und die damit verbundene Kriminalisierung der Nachlese nach. In der französischen Malerei zeigen sich ihr die 'glaneuse' genannten Ährensammlerinnen als beinahe revolutionäre Subjekte. Und in der Philologie des 19. Jahrhunderts wird klar: "Ährenlesen ist Ohrenlesen: mit den Ohren lesen". Die Nachlese offenbart sich hier als eine politisch radikale Praxis, als ein poetischer Gegenentwurf zur christlichen Gabe, die immer auch einen Gebenden voraussetzt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.06.2024
Rezensent Joseph Hanimann findet es verzeihlich, dass die Komparatistin Judith Kasper den Begriff und das Thema der Nachlese nicht wirklich in den Griff bekommt. So ist das nun mal mit einem Phänomen, das in so unterschiedlichen Bereichen wie dem Rechtswesen (Holzdiebstahl!), der Gesellschaftstheorie, der Literatur und der Kunst und den eigenen Erinnerungen der Autorin herumspukt, meint Hanimann. Ob Kasper in Gedanken über Kindheitswiesen läuft, ein Bild von Millet, Texte von Grimm und Lacan oder Unterdrückungsverhältnisse untersucht - immer geschieht das anregend, offen, nuancenreich, schlüssig und in elegantem Stil, versichert der Rezensent.
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