Jonathan Guggenberger

Opferkunst

Novelle
Cover: Opferkunst
Edition Tiamat, Berlin 2024
ISBN 9783893203222
Paperback, 256 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Venedig, April 2024. Internationale Kunstbiennale: Der irische Performancekünstler Aaron Geldof geht an einem Kreuz in Flammen auf - für die Freiheit Palästinas; ein Opfertod. Schnell haben Medien und Politik in Deutschland das eigentliche Motiv seines Martyriums erkannt: Judenhass. Für Geldofs engsten Vertrauten aber, den Kulturjournalisten Enzo Bamberger war der Flammentod in Venedig nur eines: Kunst. Im Auftrag seiner britischen Zeitung begibt er sich auf eine Reise in die Untiefen des Kunstbetriebs. Im Dickicht aus Sex, Macht und Manipulation gerät er auf die Spur von grauen Eminenzen mit langen Fingernägeln, die im Hintergrund Intrigen spinnen. Haben sie die Antwort auf seine Frage: Warum musste Aaron sterben?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2024

Jonathan Guggenberger ist mit diesem Buch eine hochkomische, aber auch erschütternde und bei all dem analytische Abrechnung mit dem gegenwärtigen politisierten Kunstbetrieb gelungen, findet Rezensentin Katharina Teutsch. Sie blickt vor allem auf die beiden Hauptfiguren, zum einen aufden Performancekünstler Aaron Geldof, der sich auf einem Kunstevent in Venedig selbst in Brand setzen möchte, um dem Zionismus ebenso wie den Staatsräson-Verfechtern in Deutschland heimzuleuchten; und zum anderen auf Enzo Bamberger, einen Freund Geldofs, der als Kunstkritiker dessen Hass auf die Ironiker der Kunstszene teilt und davon träumt, die Welt im Sinne des globalen Südens zu verändern. Auch geläufige Schlagworte wie das vom "Korridor des Sagbaren" tauchen im Buch auch, wobei die Opferkunstgroßmeister Geldof und Bamberger selbst moralisch nicht immer lupenrein arbeiten. Was der Rezensentin an diesem Buch besonders gefällt, ist, wie es die Kunstbubble als eine Szene analysiert, in der die Langweiligkeit des eigenen Lebens mit fanatischer Beschäftigung mit politischen Konflikten betäubt wird.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.11.2024

Einen erhellenden Schlüsselroman über die zeitgenössische Kunst- und Kulturszene hat Jonathan Guggenberger laut Rezensentin Hili Perlson geschrieben. Am Anfang steht die Selbstentzündung eines Performancekünstlers im Namen der Befreiung Palästinas, wie vieles in diesem Buch beruht sie auf einem Fall im echten Leben. Die Hauptfigur des Buches ist ein Berliner Journalist und Freund des Künstlers, er sieht sich durch die Reaktionen auf dessen Tod in seiner radikalen Weltsicht bestätigt, die darauf hinausläuft, dass eine ominöse Gruppe von Menschen alle anderen und insbesondere Minderheiten terrorisiert, resümiert die Kritikerin. Der Journalist selbst wird zum Leiter des Kulturresorts einer Zeitung und nimmt ein jüdisch klingendes Pseudonym an. Die Absurditäten der Gegenwart werden in diesem Buch klug dargestellt, findet Perlson, etwa wenn narzisstische Pro-Palästinenser dissidente Aktivisten aus Gaza überbrüllen und im Kunstbetrieb ernsthaft Hamas-Kämpfer als Märtyrer gefeiert werden. Nebenbei kommt auch, etwa in einem Verweis auf den Antisemitismusskandal um Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" eine historische Dimension ins Spiel, freut sich Perlson, die sich freilich fragt, wie das Buch auf Leser wirkt, die nicht Teil der Kulturbetriebsbubble sind und die zahlreichen Parallelen zu wirklich existierenden Menschen nicht bemerken. Diese Leser, vermutet Perlson, werden Guggenbergers starkes Buch wohl als Bericht über eine Klasse von Kulturbetriebsmenschen lesen, die, hoffnungslos von der Realität abgekapselt, liberale Prinzipien, von denen sie gleichzeitig profitieren, verraten.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.11.2024

Rezensent Jakob Hayner hält sich angesichts der Kunstbetriebssatire Jonathan Guggenbergers mit abschließenden Wertungen zurück. Stattdessen zeichnet er die Handlung der Novelle nach, die sich um den Journalisten Enzo Bamberger dreht, der früher anders hieß, sich nach einer demütigenden libidinös grundierten Episode in Israel zunehmend der Israelkritik befleißigt und bei einer Berliner Zeitung das Feuilleton leitet. Es liegt nahe, in Bamberger ein ins Groteske verschobenes Porträt Hanno Hauensteins, vormals Pöppels, zu sehen, erläutert Hayner, und auch andere Figuren des Buches, wie etwa ein Aktionskünstler und eine Kulturstaatsministerin scheinen realen Vorbildern zu entspringen. Insgesamt geht es in dem durchaus wild überzeichneten Buch um Figuren, die sich in ihren eigenen Projektionen verlieren und keinerlei Bezug haben zu den real existierenden Palästinensern, für die sie angeblich kämpfen, so Hayner, der Guggenbergers Novelle außerdem mit Wolfgang Ullrichs Thesen zu Identifikation in Beziehung setzt. Ist Guggenheimers überspitzte Darstellung gerechtfertigt oder verfehlt sie ihr Objekt? Hayner lässt die Frage offen und übergibt sie an die Leser.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 24.10.2024

Diese "Burleske auf Speed" lässt wirklich nichts aus, hält Rezensent Ingo Arend bezüglich des Debüts des Berliner Autors und Journalisten Jonathan Guggenberger fest: Sein Ziel war es, dem antisemitismusgeschädigten linken Milieu den Spiegel vorzuhalten, indem er alles ins Groteske verkehrt. Im Zentrum des Romans steht ein junger Feuilletonist, der sich gegen das in seinen Augen immer deutlichere faschistoide Züge aufweisende Deutschland zur Wehr setzt und im 07. Oktober die Chance wittert, sich weiter gegen die Israelis aufzuspielen, erfahren wir. Sprachlich und mit dem "Willen zum Unvorhersehbaren" gespickt kann Guggenberger durchaus überzeugen, aber für Arend ist es bisweilen zu viel des Guten, wenn von #metoo bis Schwulenbars jeder nach Skandal riechende Diskurs abgegrast wird. Dem Problem der diskursiven Verengung und Verhärtung wird Guggenberger damit leider auch nicht beikommen, resümiert der Kritiker.

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