Wahrheit - was ist das? Ist jeder, der nicht die ganze Wahrheit sagt, ein Lügner? Und hat derjenige die Wahrheit unbedingt auf seiner Seite, der fest davon überzeugt ist, "wahr" zu sprechen? Ist Wahrheit eine unverrückbare Größe, die im Laufe der Menschheitsgeschichte keinen wechselnden Definitionen unterworfen war? Sind alle Politiker Lügner, nur weil sie die Versprechen des Wahlkampfs nach gewonnener Schlacht nicht einlösen? Und wer sagt eigentlich, dass die Unwahrheit etwas zu Verdammendes sei? Wo hört die Wahrheit auf, wo fängt die Lüge an? Allen noch so pathetischen Beteuerungen von Moralaposteln, Glaubenskommissionen und selbst ernannten Sittenwächtern zum Trotz: Die Unwahrheit gehört in diese Welt, sie ist fester Bestandteil menschlichen Zusammenlebens.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.06.2003
Mit einer in den Augen von Rezensent Michael Mayer "riskanten Hypothese" begründet Jeremy Campbell in seiner "Geschichte der Unwahrheit" die "Lust an der Lüge", wenn er Lüge und Unaufrichtigkeit auf der Seite des Lebens sieht, und sie als "Schmiermittel" preist, das die Gesellschaft am Laufen halte. Da meint Mayer deutlich den "kalten Atem Nietzsches" mit seiner Entlarvung der Lebensfeindlichkeit des tradierten Wahrheitspathos zu spüren. Campbell sieht aber auch, dass "Lüge nur in einem gesellschaftlichen Umfeld Aussicht auf Erfolg hat, das die Wahrhaftigkeit" pflegt, zitiert Mayer den Autor. Womit er für Mayer der Wahrheit selbst, wenn auch auf krummem Weg, die Ehre erweist. Campbells "Geschichte der Unwahrheit" zeichnet sich nach Ansicht Mayers durch ihr "journalistisches Gespür für Verdichtung und Anschaulichkeit" aus, wobei man zuweilen allerdings auch einige "Vergröberungen" in Kauf zu nehmen hat.
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